Handbuch 5. Auflage

1002  Mediation als Konflikthilfe Von Angelika Iser und Michael Wandrey Soziale Arbeit als gesellschaftliche Konfliktvermittlung Soziale Arbeit als erziehungs- und sozialwissenschaft- liche Profession und Disziplin zielt auf die Realisie- rung von Gerechtigkeit als sozialer Gerechtigkeit (Grunwald/Thiersch 2004, 16). Mit dem daraus resultierenden Auftrag, intermediär zwischen Indivi- duen/Gruppen und der Gesellschaft zu vermitteln, um Integration und gerechtere Verhältnisse zu er- möglichen, wird Soziale Arbeit dabei gleichermaßen als gesellschaftliche Konfliktarbeit und individuelle Konflikthilfe aufgefasst und beschrieben (vgl. Ham- burger 2003; Heiner 2004; Herrmann 2006). Diskutiert man das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Konflikt, kommt ein Spannungsfeld in den Blick, bei dem es jeweils um gesellschaftliche Zu- ständigkeitsfragen Sozialer Arbeit geht. Zum einen geht es im disziplinären Diskurs um die Funktions- bestimmung Sozialer Arbeit: Ist sie ein spezieller Akteur für soziale Probleme (z. B. Staub-Bernas- coni) oder besteht in einer Gesellschaft, in der Le- bensgestaltung durch Modernisierungsprozesse zu- nehmend prekär wird und dabei Konfliktlinien verdeckt und Benachteiligungen individualisiert werden, eine generelle Zuständigkeit, Lebens- bewältigung über generelle Hilfen und Angebote zu fördern (z. B. Thiersch)? Eher professionsbezogen stellt sich zum Zweiten die Frage, welches konzeptionelle und metho- dische Handeln einer kritischen, subjektorientier- ten Sozialen Arbeit entsprechen kann. Kann es ein vermittelndes, integrierendes Handeln sein (z. B. mediative Ansätze, s. u.) oder führt dies zur Befriedung durch Individualisierung und durch professionell manifestierte Verdeckungszusam- menhänge, die erst durch eine konfliktorientierte, aufdeckende und parteiliche Arbeit überwunden werden können (z. B. Bitzan / Klöck 1993)? Hinter beiden Diskursen steht die Frage nach dem kritischen politischen Auftrag der Sozialen Arbeit und nach ihrer permanent notwendigen Repoliti- sierung, weil Soziale Arbeit als der Politik nach- geordnete Instanz leicht funktionalisierbar ist. In diesem Spannungsfeld sind Konflikte für das pro- fessionelle Handeln der Sozialen Arbeit auf min- destens vier Ebenen zentral: Soziale Arbeit als imWesentlichen kommunikativer 1. Prozess zielt auf Veränderung von Verhältnissen und Verhalten. Durch ihren Rahmenauftrag ist sie unhintergehbar zwischen Hilfe und Kontrolle ange- siedelt, weshalb sie u.a. auch gekonnt konfrontativ und konfliktfreudig agieren können muss – in Be- zug auf Institutionen wie auf Personen. Soziale Arbeit trifft in der Praxis meist auf konflikt- 2. reiche Verhältnisse, mit denen sie konstruktiv um- gehen muss. Dabei lassen sich ihre Prozesse nicht einfach „steuern“, weil es um die Veränderung von und durch Menschen und / oder Institutionen geht. Die Prozesse unterliegen notwendig dem Technologiedefizit, weshalb sie notgedrungen kommunikativ gestaltet , ausgehandelt, überprüft und in ihrer Qualität entwickelt werden müssen. In diesem Rahmen bildet die Vermittlung des ge- 3. sellschaftlichen Konflikts einen Kern der Funktions- bestimmung Sozialer Arbeit. Soziale Arbeit muss zwischen politisch und gesetzlich bestimmten „Normalvorgaben und -erwartungen“ und Men- schen, die (aus welchen Gründen auch immer) von diesen Normalitätsvorstellungen ausgeschlossen werden oder ihnen nicht entsprechen, vermitteln. Auch in ihren internen Kooperationen und Arbeits- 4. vollzügen ist Soziale Arbeit auf gelingende Kom- munikation angewiesen.Weil unterschiedliche Vor- stellungen, Erfahrungen, Erwartungen und Ziele bestehen, sind auch hier Vermittlung und Konflikt- arbeit wesentlich. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art093, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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