Handbuch 5. Auflage

Mediation als Konflikthilfe  1003 In der Sozialen Arbeit hat die personenbezogene Konflikthilfe die Autonomie der Lebenspraxis zum Ziel, d. h. die Unterstützung einer eigenverant- wortlichen, selbstbestimmten Lebensführung der Klient(inn)en durch „Hilfe zur Selbsthilfe“ und durch Institutionenkritik. Konflikt – Begriff und Theorie Konflikt kommt von confligere (lat. zusammen- stoßen) und kann als intrapsychischer Konflikt (in- nerer Widerstreit zwischen Gefühlen, Verhaltens- tendenzen oder Normen) oder als sozialer Konflikt auftreten. Im Fokus der Zuständigkeit Sozialer Arbeit stehen soziale Konflikte zwischen Personen und / oder Gruppen, die im Wissen um und im kompetenten Umgang mit dem Zusammenspiel von individuellen, interaktionellen, strukturellen und kulturellen Konfliktauslösern bearbeitet wer- den müssen. In der Literatur findet sich zuneh- mend Glasls Definition sozialer Konflikte als „eine Interaktion – zwischen Aktoren (Einzelnen, Grup- pen, Organisationen usw.) wobei wenigstens ein Aktor ■ ■ Unvereinbarkeiten im Denken /Vorstellen /Wahrneh- ■ ■ men und / oder Fühlen und / oder Wollen ■ ■ mit dem anderen Aktor (anderen Aktoren) in der Art ■ ■ erlebt, dass im Realisieren eine Beeinträchtigung ■ ■ durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) er- ■ ■ folge“ (1990, 14 f.). Somit besteht ein sozialer Konflikt bereits, wenn mindestens einer der Beteiligten sich durch einen anderen in der Umsetzung seiner Handlungsvoll- züge behindert oder beeinträchtig sieht und ent- sprechend darauf reagiert (z. B. mit Überzeugungs- und Bekehrungsversuchen). Kein Konflikt besteht, wenn das „Nicht-Verwirkli- chen der eigenen Gedanken, Gefühle und / oder Intentionen“ keiner anderen Partei zugeschrieben wird oder nur unterschiedliche Meinungen, Inte- ressen oder Werthaltungen, Denk- und Vorstel- lungsinhalte bestehen (15). Konflikttheoretisch betrachtet weisen Konflikte einen Doppelcharakter auf. Zunächst zeigen sie Reflekti- ons- und Veränderungsbedarf an: Die bisher ent- wickelten Routinen und Absprachen reichen nicht mehr aus, um eine veränderte Situation zu bewälti- gen. Konflikte können daher wichtige Klärungs-, Lern- und Entwicklungsprozesse ermöglichen und damit konstruktive Wirkung entfalten. Werden sie aber – ähnlich wie Angst – nicht als Hinweis ver- standen, situationsadäquat zu reagieren, können Konflikte zunehmend destruktiv wirken und eine Eskalationsdynamik entfalten, aus der man sich nicht mehr ohne fremde Hilfe befreien kann. Aus dieser Sicht wird die Frage zentral, wie mit Konflik- ten konstruktiv umgegangen werden kann. Nach Schwarz gibt es für Konfliktbetroffene sechs Grundmuster der Konfliktlösung , die dazu führen, „daß die Handlungsfähigkeit von beiden (oder im Extremfall nur von einem) nicht weiter beein- trächtigt wird“. Diese Grundmuster ordnet er als Stufenfolge einer Höherentwicklung im Konflikt­ umgang an und versteht sie als Lernprozess in der Geschichte der Zivilisationsentwicklung ebenso wie von einzelnen Individuen und Gruppen, „manchmal sogar bei ein und demselben Kon- flikt“ (1995, 215). Dabei nimmt die „Flucht“ den untersten Platz ein, gefolgt von der „Vernichtung“ des Gegners, der eigenen „Unterordnung“, der „Delegation“, indem die Entscheidung über einen Konflikt an eine höhere Instanz delegiert wird (Religion, Werte oder Normen), dem „Kompro- miss“ und schließlich dem „Konsens“ als höchste Entwicklungsstufe der Konfliktlösung. Dabei sind Rückfälle jederzeit möglich (Schwarz 1995, 216 ff.). In der Literatur finden sich vielfältige weitere Modelle für unterschiedliche Konfliktstile (z. B. Berkel 1984). Noch größer ist die Zahl der Versuche, Konflikte zu typisieren und zu systematisieren (Glasl 1990, 47 ff.). Eine umfassende Systematik ist „schwierig, weil die Autoren von sehr unterschiedlichen wis- senschaftlichen Disziplinen aus denken und han- deln“ und es keine anerkannte, alle umfassende Wissenschaftstheorie gibt (47). Die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Konflikt(typ)en ist eine Voraussetzung für einen differenzierten Konfliktumgang. Trotz aller Vielfalt der Autor(inn)en teilen sie die Überzeugung, dass unterschiedliche Konfliktursachen, -verläufe, und -erscheinungsformen sowie Eigenschaften von Kon- fliktparteien auch unterschiedliche Konfliktum- gangsformen erfordern. Die implizite oder explizite

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