Handbuch 5. Auflage

Methoden der Sozialen Arbeit 1033 Man könnte es sich einfach machen und darauf hinweisen, dass die messianischen Steuerungs- phantasien der Vertreter einer ökonomisierten So- zialen Arbeit sich an einer alten methodischen Er- kenntnis brechen werden, die Erika Hoffmann (1963, 98) schon in den 1960er Jahren formuliert hat. Demnach „gibt [es, M.G.] keine Methode, die das Wagnis der pädagogischen Situation vorweg abnehmen könnte.“ Diese professionelle Beschei- denheit trägt u. a. der Tatsache Rechnung, dass es Sozialarbeiter in der Regel mit Ambiguitätsproble- men zu tun haben. „Wenn ein Phänomen ein hohes Maß an Ambiguität, d.h. nicht Eindeutigkeit aufweist, existieren zwangsläufig weite Interpretationsräume. Überall dort wo Interpretati- onsräume existieren, sind aber strenge Messverfahren eher wenig tauglich, wenn es darum gehen soll Praxis ‚anzuleiten‘. Die Annahme, man könne schwierige politi- sche und moralische Fragen auf eine technische Angele- genheit angewandter Wissenschaft reduzieren, ist nicht neutral, sondern durch und durch ideologisch.“ (Ziegler 2006, 266) Die Methodenentwicklung der letzten Jahre verfolgt in weiten Teilen allerdings genau die Ab- sicht einer Sozialtechnologisierung der sozialpäd­ agogischen Praxis. Was derzeit passiert, ist die „Integration sozialpädagogischer Definitions- und Handlungsvollzüge in ökonomisch-tech- nologisch dominierte Zugänge“ (Böhnisch et al. 2005, 236). War Sozialtechnologie in den Fach- diskussionen der Sozialen Arbeit in den 1970er und 1980er Jahren eine kritische Chiffre, um auf die Gefahr einer entpolitisierten, weitgehend auf Verhaltenstechnologien reduzierten „Fachlich- keit“ aufmerksam zu machen, so gilt sie zu Be- ginn des 21. Jahrhunderts scheinbar als erstre- benswert und zielführend (Meerkamp 2007). Notwendiger denn je ist deshalb die wissenschaft- liche Reflexion methodischen Handelns in pro- fessionellen Kontexten, um Wirkungen und Nebenwirkungen sozialpädagogischen Handelns sichtbarer zu machen und zur Diskussion zu stel- len, denn die Methodenfrage ist zu wichtig, um sie anderen Disziplinen oder der Pragmatik des Alltagsgeschäfts zu überlassen. Wissenschaftliche Reflexion methodischen Handelns meint dabei zweierlei: erstens die Theoretisierung der Metho- denfrage in der Sozialen Arbeit, d. h. ihrer Berück- sichtigung in theoretischen Entwürfen ebenso wie der explizite Rekurs auf theoretische Erkenntnisse im Rahmen der Methodenentwicklung sowie zweitens die verstärkte empirische Erforschung methodischen Handelns in der Alltagspraxis So- zialer Arbeit. Eine in diesem Sinne wissenschaft- lich fundierte Methodendebatte könnte jenseits einer historischen Reminiszenz an überkommene Methodengläubigkeit und jenseits praxeologischer Technologisierungsinteressen einen Beitrag liefern zu einer reflexiven Professionalisierung Sozialer Arbeit, auch in schwierigen Zeiten. Literatur Badura, B., Gross, P. (1976): Sozialpolitische Perspektiven. Piper, München Bandemer, S. v. (1998): Qualitätsmanagement. In: Blanke, B., Bandemer, S. v., Nullmeier, F., Wewer, G. (Hrsg.), 369–379 –, Hilbert, J. (1998): Vom expandierenden zum aktivieren- den Staat. In: Blanke, B., Bandemer, S. v., Nullmeier, F., Wewer, G. (Hrsg.), 25–32 Bauman, Z. (2005): Verworfenes Leben. Hamburger Edition, Hamburg Beck, U. (2005): Was zur Wahl steht. Frankfurt/M. –, Brater, M., Daheim, H. (1980): Soziologie der Arbeit und der Berufe. Reinbek b.H. Blanke, B., Bandemer, S. v., Nullmeier, F., Wewer, G. (Hrsg.) (1998): Handbuch zur Verwaltungsreform. VS, Opladen Böhnisch, L., Schröer, W., Thiersch, H. (2005): Sozialpäd­ agogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Ju- venta, Weinheim/München Bröckling, U. (2000): Totale Mobilmachung. Menschenfüh- rung im Qualitäts- und Selbstmanagement. In: Bröckling, U., Krasmann, S., Lemke, T. (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Suhrkamp, Frankfurt/M., 131–167 Burkhardt, H., Enggruber, R. (Hrsg.) (2005): Soziale Dienst- leistungen am Arbeitsmarkt. Juventa, Weinheim/Mün- chen Burmeister, J., Lehnerer, C. (1996): Qualitätsmanagement in der Jugendverbandsarbeit. BfFSFJ (Hrsg.): Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Bonn Dahme, H.-J., Kühnlein, G., Wohlfahrt, N. (2005): Zwischen Wettbewerb und Subsidiarität. Edition sigma, Berlin –, Trube, A., Wohlfahrt, N. (Hrsg.) (2007): Arbeit in Sozia- len Diensten: flexibel und schlecht bezahlt? Schneider, Baltmannsweiler

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