Handbuch 5. Auflage
1032 Galuske Die Aktivierungsprogrammatik des Fallmanage- ments in der Arbeits- und Sozialverwaltung kennt ausschließlich das Ziel der Förderung der Arbeits- marktgängigkeit durch Motivation, Training, Bil- dung – freiwillig oder unter Sanktionsdruck. An- dere Lebensprobleme werden bestenfalls als Hürden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt wahr- und in Angriff genommen. Auch Freiwilligkeit ist kein Merkmal der Betreuung durch den Fallmanager, ist die aktive Mitarbeit des Klienten doch verpflich- tend, andernfalls drohen Sanktionen in Form von Leistungskürzungen und Sperrzeiten. Ist etwa der Klient etwa nicht einverstanden mit Vereinbarun- gen des Eingliederungsvertrages, so kann der Fall- manager diesen ohne Zustimmung des Klienten als Verwaltungsakt schlicht erlassen (Galuske 2007). Die Soziale Arbeit scheint hier ohne großes La- mento zu einem neuen / alten autoritären Hilfever- ständnis zurückzukehren, das die fürsorgliche Be- lagerung zum methodischen Prinzip erklärt. Der fachliche Boom des Case Managements offenbart nach Hansen allerdings ein „tiefgreifendes Glaub- würdigkeitsproblem“ der Sozialen Arbeit, „wenn sie einerseits neoliberale Tendenzen in der Sozial- politik kategorisch als Beiträge zur Demontage des Sozialstaats wertet, sich andererseits aber neolibera- ler Instrumentarien wie des Care /Case Manage- ments bedient und diese in ihre Professionalisie- rungsstrategien einbaut“ (Hansen 2005, 120). Methodenentwicklung in der Sozialen Arbeit im Kontext aktivierender Sozialstaatsmoderni- sierung – ein professionelles Abstiegsprojekt? Derzeit deutet nichts darauf hin, dass die beschrie- benen Aspekte der Ökonomisierung und Paternali- sierung der Denk- und Handlungsmuster der So- zialen Arbeit in absehbarer Zeit an Bedeutung und Dominanz verlieren würden. Im Gegenteil: Stu- dien belegen, dass der Umbau des Sozialsektors zu einem Sozialmarkt bereits nachhaltige Folgen in den Organisationen der Sozialen Arbeit nach sich gezogen hat (Dahme et al. 2005). Zu Beginn des Beitrags wurde darauf hingewiesen, dass die Entwicklung von Handlungsmethoden immer eng verknüpft war mit dem Projekt der Ver- beruflichung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Insofern könnte man den in den letzten Jahren zweifelsohne zu verzeichnenden technologi- schen Zugewinn als Indiz für einen weiteren Auf- stieg der Sozialen Arbeit auf der Professionalisie- rungsleiter interpretieren. Dem widersprechen allerdings eher gegenläufige Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt für Soziale Berufe, die Dahme et al. (2007, 23) wie folgt resümieren: „Die Handlungsvollzüge der Profession, die sich bislang durch relative Klientenautonomie auszeichneten, wurden administrativ überformt und die Professionen sehen sich mit organisatorischen wie aber auch mit Vorgaben für die konkreten Arbeitserledigungen konfrontiert. In der Litera- tur wird dieser Wandel als Re-Taylorisierung der Arbeits- vollzüge in den sozialarbeitsbasierten Diensten beschrie- ben. Ein dem sozialen Dienstleistungssektor bislang unbekanntes Mikromanagement (Steuerung von Hand- lungsvollzügen) verändert auch die Interaktionslogik bzw. die Professionslogik in den sozialen Diensten. In Folge dieser Entwicklungen ist seit einiger Zeit im Hinblick auf die Personalpolitik im Sozialbereich von einem ‚dramati- schen Entwertungsprozess‘ der Profession die Rede.“ Es deutet sich ein nachhaltiger Ausdifferenzie- rungsprozess zwischen jenen an, die die Hand- bücher, Diagnosetabellen und Produktkataloge entwickeln – eine vergleichsweise anspruchsvolle Aufgabe, die mit besseren Arbeitsbedingungen und höherer Entlohnung honoriert werden dürfte – und einer großen Masse an „ausführenden Sozialarbei- tern“, die die Vorgaben schlicht abarbeiten und für die eine qualifizierte Ausbildung ebenso wenig zwangsläufig Voraussetzung sein muss, wie die Festanstellung die Regel sein wird. Holger Ziegler (2006, 264) hat dies am Beispiel der wirkungsori- entierten Steuerung veranschaulicht: „Die Verfahren einer evidenz-basierten Sozialen Arbeit sind in der Regel eng mit neo-manageriellen Steuerungs- fantasien verknüpft. Die Annahme, dass damit die Pro- fessionalität Sozialer Arbeit gestärkt werde, erscheint in- des reichlich naiv. Praktisch wird der Stellenwert des ‚Steuerungsmodus‘ ‚Professionalität‘ eher zurück- gedrängt. Professionalität verweist nämlich auf weit- gehend selbstbestimmtes, jedenfalls gerade nicht auf ein fremdbestimmtes Handeln, das Leitlinien, Manuale und andere Direktiven befolgt.“
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