Handbuch 5. Auflage

1036  Migration Von Franz Hamburger Das Handwörterbuch der Wohlfahrtspflege von 1924 befasst sich mit Einwanderung und definiert mit normativer Klarheit: „Einwanderung. Nach Analogie der Begriffsbestimmung Auswanderung versteht man unter E. die Zuwanderung in ein Staatsgebiet zu dem Zwecke, sich in diesem dauernd oder für längere Zeit niederzulassen. Ist das E. sland das Mutterland des Einwanderers oder seiner Vor- fahren, so pflegt man von Rückwanderung zu sprechen. Die E. liefert dem E.slande Arbeitskräfte und Kapital. Oft ermöglicht erst eine starke E. die Erschließung und Be- siedlung eines Landes und ist für dieses besonders dann von größtem Nutzen, wenn es sich um hochwertiges Ein- wanderermaterial handelt. Die E. ist von schädlichen Fol- gen begleitet, wenn die Einwanderer qualitativ minder- wertig sind (Verbrecher, Krüppel, Idioten, Mittellose) und das Proletariat vergrößern oder wenn sie wegen ihrer Rasse und Kulturstufe, oder weil sie den einheimischen Arbeitern Konkurrenz machen und auf die Löhne drücken, als unerwünschtes Element in den Augen der eingebore- nen Bevölkerung gelten. Erleichterung der E. für notwendige Arbeitskräfte, Schutz des E.slandes vor unerwünschten Elementen und Schutz der einheimischen Arbeiter vor der Konkurrenz lohndrü- ckender Einwanderer sind dem gemäß die Hauptgesichts- punkte der E.spolitik.“ (Karstedt 1924, 115) Die 1924 noch in einem Handbuch enthaltene blanke Instrumentalität ist sprachlich heute wei- terhin im Alltagsbewusstsein präsent, ihre Prämis- sen bilden weiterhin die Prinzipien der Migrations- politik. Die wissenschaftliche Betrachtung ist dagegen an der Erkenntnis allgemeiner Strukturen des Migrationsprozesses interessiert und das prak- tisch-pädagogische Interesse richtet sich auf die Beschaffenheit des Einzelfalls. Für Deutschland gilt dabei in besonderer Weise, dass seine Geschichte, Gegenwart und Zukunft nur verstanden werden können, wenn Einwan- derung und Auswanderung gleichermaßen berück- sichtigt werden. Geografische Lage und gesell- schaftliche Entwicklung haben in einer langen Tradition Aus-, Durch- und Einwanderungspro- zesse hervorgebracht. Die Aufhebung des Ost- West-Konflikts und damit verbunden der Blockie- rung von Migration durch Mauer und „Eisernen Vorhang“ in der Mitte Europas hat wiederum zu einer neuen Migrationslage geführt. In den weni- gen Jahrzehnten der Nachkriegsgeschichte haben ganz unterschiedliche Konstellationen – Flucht und Vertreibung, Anwerbung von Gastarbeitern, Aussiedlung und Umsiedlung sowie Flucht vor Bürgerkrieg und Unterdrückung – zu jeweils ver- schiedenen Formen der Einwanderung geführt. Auswanderung und insbesondere Rückwanderung sind dabei nicht verschwunden, was insgesamt zu einer beachtlichen Fluktuation der Wohnbevölke- rung in Deutschland geführt hat. Im Vordergrund der zwangsläufigen Kontroversen um die Beurtei- lung und Gestaltung der Migration steht allerdings die Frage der Einwanderung und welche Schluss- folgerungen aus dem sozialen Sachverhalt der Ein- wanderung gezogen werden. Soll sich Deutschland als Einwanderungsland begreifen, sollen die Aus- länder Bürger dieses Landes werden? Hat Deutsch- land eine multikulturelle Gesellschaft oder soll es sich als ethnisch homogener Nationalstaat begrei- fen? Die Auseinandersetzung über diese Fragen ist zu einem gesellschaftspolitischen Grundkonflikt geworden, der von rassistischem Hass auf alles Fremde ebenso bestimmt wird wie von emphati- scher Ausländerfreundlichkeit und „kulinarischem Multikulturalismus“. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art096, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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