Handbuch 5. Auflage

Migration 1037 Begriffsbeschreibung Migration ist eine allgemeine Sammelbezeich- nung für den Umstand, dass Personen für einen längeren oder unbegrenzten Zeitraum einen frü- heren Wohnort verlassen haben und in der Ge- genwart in einem anderen Land als ihrem Her- kunftsland leben. Die Verwendung des Begriffs Migranten schließt deutlich die Wohnortverände- rung innerhalb eines Staates aus und bezieht sich auf den inter-nationalen Charakter von Migra- tion. Die allgemeinste Kategorie zur Bezeichnung der Veränderung der Verortung von Menschen ist der Begriff der Mobilität . Er wird vor allem in der Demografie und Geografie verwendet und schließt die räumliche wie die soziale Bewe- gung / Veränderung von Individuen und Kollekti- ven ein. Eine Differenzierung des Mobilitätsbegriffs wird vorgenommen im Hinblick auf die Dauer der Ver- änderung (von alltäglicher Zirkulation bis zur end- gültigen Auswanderung) und die Distanz, die durch Mobilität überwunden wird (regional bis interkon- tinental). (Hamburger et al. 1997). Der soziologi- sche Migrationsbegriff nimmt diese Aspekte auf: „Wir verstehen also unter Wanderung zunächst die Ausführung einer räumlichen Bewegung, die einen vorübergehenden oder permanenten Wechsel des Wohnsitzes bedingt, eine Veränderung der Position also im physischen und im ‚sozialen Raum‘.“ In ei- ner Perspektivenerweiterung rückt die Veränderung der sozialen Beziehungen von Migranten, aber auch der sozialen Struktur des Auswanderungs- und des Einwanderungskontextes in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. (Albrecht 1972, 23). Im Begriff der Migration sind also die Dimensionen Raum, Zeit und Sozialität in spezifischer Weise enthalten (Düwell 2006 und Han 2005). Für das Verständnis des individuellen Sinnzusam- menhangs wie auch der sozialen Bedeutung von Migration ist zunächst der Wanderungsgrund von Bedeutung. Während man begrifflich relativ klar zwischen erzwungener und freiwilliger Wanderung unterscheiden kann, ist die Wirklichkeit der Mi- grationsursachen auf einem Kontinuum zwischen den Polen gewaltsam erzwungener Wanderung und freiwilliger Mobilität verteilt. Im Hinblick auf das Aspirationsniveau wird zwischen Superordinations- absicht (z. B. Eroberungsfeldzüge, Aufbau von Pro- duktionsstandorten in anderen Ländern u. ä.) und Subordinationsbereitschaft (Gast- und Saisonarbei- ter) unterschieden (Esser 1980). Der weitere Verlauf des Migrationsprozesses hängt auch davon ab, ob das Handeln des Migranten auf die Erreichung bestimmter Migrationsziele aus- gerichtet ist, oder ob er sich nur an den Gelegen- heiten, die sich ihm bieten, orientiert. Hat er fest- stehende Ziele im Herkunftsland im Auge, beispielsweise in der Sozialstruktur des Auswan- derungslandes einen höheren Rang zu erreichen, wird er sich auch im Einwanderungsland ganz auf dieses Ziel konzentrieren und vor allem mit Per- sonen Kontakt halten, die ähnliche Aspirationen haben. Strebt er jedoch Ziele eher im Einwan- derungskontext an, wird sein Handeln stärker auf Veränderung, beispielsweise der Art des familialen Zusammenlebens und der Erziehungsvorstellun- gen ausgerichtet sein. Der – u.U. starke – Wandel dieser Ziele gehört allerdings auch zum Wan- derungsprozess hinzu. Die Handlungsmotive von Migranten sind mit den Migrationsursachen verknüpft. Eine erste Gruppe stellen Kriege und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdbeben dar. Hierzu gehören auch Hungersnöte und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen; in diesen Fällen verbinden sich Veränderungen der Natur und menschliche Aktivitäten. Migration zielt hier auf das nackte Überleben, auf die Sicherung der mini- malen Lebensbedingungen. Eine zweite Gruppe von Migrationsursachen bil- den wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit und ma- terielle Verelendung. Zwar sind diese Lebenslagen in der Welt weit verbreitet, führen jedoch erst dann zur Migration, wenn sie mit dem Gefühl der Hoff- nungslosigkeit verbunden sind, die eigene Lage im Heimatland / am bisherigen Wohnort ändern zu können. Auch muss die Hoffnung oder Vermutung bestehen, irgendwo anders oder an einem be- stimmten Ort die entbehrten Existenzgrundlagen finden zu können. Das Spektrum in dieser Gruppe reicht von Armutsflüchtlingen bis hin zu Arbeits- migranten , die der relativen Armut ihrer Herkunfts- region entfliehen oder sich als Arbeitskräfte anwer- ben lassen, um so die Lebenslage ihrer Familien verbessern zu können. Flüchtlinge aus Gründen politischer und religiö- ser Verfolgung bilden die dritte Gruppe. Für diese Notlage wurde schon bei den Hethitern im 2. Jahrtausend vor Christus die Institution des

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