Handbuch 5. Auflage

1046 Hamburger  Ausländerfeindlichkeit bzw. -feindschaft, Xeno- phobie und Rassismus definiert und analysiert (Bielefeld 1992). Im Sündenbockmechanismus greifen dann psychische Dispositionen und politi- sche Herrschaft in einer gesellschaftlichen Praxis ineinander. Soziale Arbeit im Migrationsprozess Die Diskussion über Migration und ihre Folgen hat im Bereich von Erziehung und sozialer Arbeit vor allem den Kulturbegriff verwendet. Die War- nungen beispielsweise vor einer „Ethnisierung der Arbeitsmigrantenfrage“ und Kulturalisierung von sozialen Problemen wurden schon früh formuliert (z. B. Meillassoux 1980; vgl. auch Bukow / Llayora 1988; Dittrich / Radtke 1990), blieben jedoch weitgehend folgenlos. Inzwischen ist die multi- kulturelle Gesellschaft vor allem mit interkulturel- lem Lernen beschäftigt, interkulturelle Kompeten- zen sollen der sozialen Arbeit neue konzeptionelle Ressourcen zuführen. Die Perspektiven von Inte- gration und Assimilation wurden – oft moralisie- rend – kritisiert und als Anpassungsmechanismus diskreditiert (Auernheimer 2003; Freise 2005; Otto / Schrödter 2006; Treichler / Cyrus 2004). Die Konzentration auf Kultur übersieht aber das zweite Grundelement von Gesellschaft, nämlich die Struktur. In dieser Dimension sind die materiellen Ressourcen der Gesellschaft verteilt und drückt sich das durch Macht differenzierte Positionssystem der Gesellschaft aus. Die Teilhabe in dieser Dimension kann als Integration erfasst werden. In der Dimen- sion der Kultur ist dagegen das Symbolsystem einer Gesellschaft enthalten; in ihr ist zugleich das Wissen der Gesellschaft über sich und die Welt verteilt. An- teil amWissen erhält das Individuum durch Assimi- lation, dabei fällt ihm auch ein bestimmter Rang in der Prestigedimension der Kultur zu. Die Fixierung auf Interkulturalität in Konzepten der Pädagogik und Sozialarbeit bringt die Gefahr mit sich, dass die strukturelle Dimension aus dem Blick gerät und eine soziale Benachteiligung und Diskriminierung in Termini der Kulturdifferenz interpretiert wird. Die Folge ist: Selbst in einer differenzierten und materialreichen Publikation „Soziale Arbeit interkulturell“ (Eppenstein /Kiesel 2008) kommt das Wort „Armut“ nicht vor. Migration zielt auf die Teilhabe am ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapital ab. Für die Sozial- arbeit und Sozialpolitik gibt es spezifische Ansatz- punkte, um durch soziale Sicherung, soziale Dienste und Integration in Interaktionsstrukturen sowie durch kulturelle Anerkennung die Lage der Migran- ten zu verbessern. Gelingt auf Dauer eine Integra- tion in die Arbeitsgesellschaft, dann kann zumindest die materielle Armut latent gehalten werden. Bei un- stetiger Beschäftigung, Krankheit, Alter und Invali- dität droht jedoch prinzipiell Armut, weil der Status des Lohnarbeiters immer die Möglichkeit der Armut impliziert. Durch weitere Einschränkungen (der politischen und anderer Rechte) wird die Wahr- scheinlichkeit, als Migrant (wieder) arm zu werden, systematisch erhöht. Die Orientierung an der Vermeidung von Armut, wie die Fixierung auf die Begründungen zu Hilfe und Beratung für die Migranten generell, lässt nun sehr leicht ein einseitiges Bild des Migranten ent- stehen. Er erscheint in diesem Diskurs sehr schnell als „armes Opfer der Verhältnisse“. Dies mag im Einzelfall einmal zutreffen, ist aber systematisch falsch. Der Migrant ist auch aktiver Akteur und verfolgt wie alle Individuen seine Interessen. Durch Migration gibt es nicht nur Verluste, sondern auch Gewinne. Systemisch betrachtet macht Migration auch arm, aber in der Migrationsbiografie gibt es – bei Integration in Normalarbeitsverhältnisse und ihre sozialen Sicherungssysteme – relative ma- terielle Besserstellung, soziale Integration und kul- turelle Selbstbestimmung. Eine ähnliche Doppel- perspektive ist auch für die Betrachtung desThemas „Migration und Sozialisation“ angebracht. Das Aufwachsen der sogenannten Zweiten Generation wird allzu oft nur unter dem Belastungs- und „Identitäts-Diffusions“-Blickwinkel behandelt, der Kompetenzzuwachs durch das Aufwachsen in zwei Kulturen wird jedoch übersehen. Migranten haben Zugang zu spezifischen Ressourcen. Soziale Arbeit mit ihnen muss auf diese ebenso zurückgreifen wie sie sie bei der Bewältigung besonderer Belastungen unterstützt (Hamburger 2009). Um für diese Aufgabe gerüstet zu sein, bedarf es ei- ner spezifischen operativen Struktur. Hinz-Rommel (1994) hat diese Struktur ausgearbeitet und begrün- det, wobei weniger die Etikettierung als „interkultu- relle Kompetenz“ ins Gewicht fällt, als die breite Orientierung an individuellen Kompetenzen, an der Arbeitsweise von Teams und Organisationen sowie

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