Handbuch 5. Auflage

Migration 1045 In diesem Horizont sind die Maßnahmen zur Be- schulung von Migrantenkindern zu analysieren. (Nieke 2000; Hamburger et al. 2005; Gogo- lin /Krüger-Potratz 2006; Nohl 2006). In der ge- genwärtigen Situation dient die monokulturelle Schule der Durchsetzung von Interessen der au- tochthonen Bevölkerung gegen die Aufstiegsaspi- rationen der eingewanderten Gruppen. Würde nämlich Zweisprachigkeit als kultureller Wert all- gemein anerkannt werden, dann wären die Mig- rantenkinder generell den einsprachigen einhei- mischen Kindern (zumindest aus der gleichen sozialen Schicht wie die Migrantenkinder) über- legen. Migranten gehören aus strukturellen und konjunk- turellen Gründen zur Armutsbevölkerung. Erst in diesem Zusammenhang, nämlich der sozio-öko- nomischen Marginalisierung im Aufnahmeland, besteht die Gefahr einer sozial-kulturellen Rand- stellung. Marginalisierungsprozesse ergeben sich nämlich nicht unmittelbar aus dem Faktum Mi- gration, diese ist eher eine Problemlösung für strukturelle Spannungslagen. Resultiert nach der Migration aus sozialstrukturellen Bedingungen da- gegen eine Unterschichtung und verbindet sich diese mit sozio-ökonomischer Marginalisierung (die sich in den Quoten der Arbeitslosigkeit und des Sozialhilfebezugs ausdrückt), dann ist auch mit sozio-kulturellen Marginalisierungsprozessen zu rechnen. Diese setzen umso früher ein, je bedeut- samer eine Institution oder eine Dimension sozia- ler Integration für die Unterschichtung bzw. für die Abwehr von Aufstiegsprozessen der Immigranten ist. Für das Bildungssystem, das für soziale Mobili- tät zentral ist, verweisen die Misserfolgsquoten der Migrantenkinder und die Raten der Sonderschul- überweisung auf eine „erfolgreiche“ Abwehr von Aufstiegsaspirationen (Radtke 1995); ähnlich kön- nen die Kriminalisierungsraten bei ausländischen Jugendlichen interpretiert werden – als Abwehr von Teilhabebedürfnissen und -ansprüchen. Dass Migration allein nicht und nicht unmittelbar zu Marginalisierung führt, ist an der erfolgreichen In- tegration von Migrantengruppen zu erkennen, de- ren Aufnahme zielstrebig gefördert wird (z. B. Aus- siedler) oder die sich beruflich in der mittleren oder oberen Schicht der Gesamtbevölkerung plat- zieren können. In der Migrationsforschung wird in diesem Zu- sammenhang die Rolle der Ethnisierung diskutiert. Unter Ethnisierung wird die Verschiebung der Wahrnehmungsperspektive verstanden: Während ausländische Arbeitskräfte zunächst unter dem Gesichtspunkt wahrgenommen werden, dass sie bestimmte Arbeitsplätze einnehmen, rückt nun die Betonung ihrer nationalen oder ethnischen Her- kunft in den Vordergrund. Die „moderne“ Wahr- nehmung sieht nur mehr oder weniger funktionie- rende Arbeitskräfte, die ethnisierte Perspektive dagegen erkennt den „bedrohlichen“, „fremden“ Türken oder Italiener usw. Die Ethnisierung schafft Distanz und sichert die Privilegien der einhei- mischen Bevölkerung; politisch gesehen erleichtert sie die Regulierung der Arbeitsmigration. Die Eth- nisierung ist jedoch auch möglich als Selbst-Ethni- sierung. Für den Migranten und seine Selbstdefi- nition erhält die Herkunft eine besondere Bedeutung, einmal weil sie ihn erfahrbar von der übrigen Sozialwelt trennt, weil sie ihm im Kontakt mit anderen Migranten Gelegenheit zur Selbstver- gewisserung gibt und weil er sich im Rückzug auf diese „Identität“ gegen Kränkungen und Diskrimi- nierungen schützen kann (bzw. schützen muss). Zentrales Element der Ethnisierung durch die Auf- nahmegesellschaft ist die Abwertung der Her- kunftskultur des Migranten. Wenn ökonomische Platzierung und kulturelle Abwertung in der glei- chen Richtung wirken, ist Marginalisierung ein zwangsläufiges Ergebnis. Die Abwehr von Migranten ist schließlich das be- deutendste soziale Problem im Migrationsprozess. Die Reaktion auf Migranten, die häufig als „Fremde“ definiert werden, ist in allen Gesellschaf- ten stark ambivalent: Auf der einen Seite gibt es überall Formen der Gastfreundschaft und der Un- terstützung, die häufig kulturell oder religiös abge- sichert sind oder waren. Auf der anderen Seite gibt es die Ablehnung, die bis zur Vertreibung reichen kann. Die Ablehnung von Migranten ist weniger das Problem einer individuellen Einstellung als vielmehr ein sozialer Sachverhalt, der durch gesell- schaftliches Wissen fundiert ist. Die problematische Grenzziehung beruht auf der lebensnotwendigen Differenzierung der Wahrneh- mung, die mit Typisierungen und Erwartungs- erwartungen Orientierung vermittelt. Die soziale Funktion von Vorurteilen verkehrt sich vom Le- bensdienlichen in die Abwehr des Fremden (Estel 1983). In unterschiedlicher Weise werden die dabei beobachtbaren Phänomene als Ethnozentrismus,

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