Handbuch 5. Auflage

1049 Mobile Jugendarbeit Von Siegfried Keppeler und Walther Specht Mobile Jugendarbeit – ein globales Konzept der Lebenswelt- und Sozialraumorientierung Die globale Situation von Kindern und Jugend- lichen, die in ihren jeweiligen Gesellschaften von Ausgrenzung und Nicht-Teilhabe betroffen sind oder gar auf der Straße leben müssen, hat weltweit dramatische Züge angenommen. Nach den aktu- ellsten Schätzungen von UNICEF (2007) gibt es derzeit ca. 120 Millionen Kinder, deren Lebenslage durch die Verweigerung fundamentaler Menschen- rechte wie Nahrung, Obdach, Bildung und Ver- sorgung gekennzeichnet ist. Mindestens 100 Mil- lionen Kinder leben und arbeiten auf der Straße. Ende 2003 gab es in 93 untersuchten Entwicklungs- ländern 143 Millionen Waisen unter 18 Jahren. Auch in Deutschland gibt es junge Menschen, die von sozialer Ausgrenzung bedroht oder betroffen sind. Ein sozialpädagogisches Konzept, das sich diesen Problemen stellt, ist die Mobile Jugend- arbeit. Sie praktiziert als Handlungsfeld Sozialer Arbeit Streetwork, Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit. Sie will die jungen „hard to reach“ Menschen oder „unreachable“ in schwie- rigen Lebenslagen erreichen und unterstützen. Die Mobile Jugendarbeit basiert auf der Maxime: Wenn die „schwer Erreichbaren“ nicht zu uns kommen, gehen wir zu ihnen, notfalls sogar auf die Straße. So begann und beginnt Streetwork fast überall auf der Welt. Doch dies reicht nicht aus. Hinzu kom- men muss eine wirksame und nachhaltige Verbes- serung der Lebenslage von Straßenkindern und gefährdeten Jugendlichen in ihrem jeweiligen Sozi- alraum. Die „Unerreichbaren“ erreichen, heißt für Jugend- und Sozialarbeiter, sich seelisch verletzten und ausgegrenzten, aber auch misstrauischen und aggressiven Kindern und Jugendlichen professio- nell zuzuwenden. In der Mobilen Jugendarbeit Tä- tige bieten dieser Zielgruppe kurz-, mittel- und längerfristige Unterstützung und kritische Solidari- tät an. Mit dem Interesse an den Lebenswelten der jeweiligen Adressaten verbindet sich die Mobile Jugendarbeit mit der Tradition einer lebenswelt- orientierten Jugendhilfe, wie sie von Thiersch aus- gearbeitet wurde (Thiersch 2006). Zu den historischen Wurzeln des Konzepts Der 1967 in Stuttgart erstmals in der Bundesrepu- blik praktizierte Ansatz der Mobilen Jugendarbeit hat seine historischen und konzeptionellen Vorläufer in Österreich (Wilfert 1959; 1962), der Schweiz (Bernasconi 1962) und vor allem in den USA (Thrasher 1926; Miller 1957; New York City Youth Board 1960; Spergel 1966). Lange bevor sich die deutsche Jugendforschung der Cliquen angenom- men hat, wurden in den USA die Gangs, insbeson- dere die Jugendgangs, untersucht. Bereits in den 1920er Jahren stellten sich Chicagoer Sozialwissen- schaftler und Sozialarbeiter dem Problem von über- wiegend in Gruppenkontexten auftretender Jugend- kriminalitätinbestimmten,geografischabgrenzbaren Gebieten und entwickelten erste Lösungsversuche durch den Einsatz von „area-worker“ oder „detached worker“ (Miller 1957, 406). Die jeweils angestellten Jugend- oder Sozialarbeiter waren für ein bestimm- tes Problemgebiet zuständig und gingen losgelöst (detached) von ihrer Institution selbst auch auf die Straße oder an andere Trefforte der Jugendlichen, um dort präsent zu sein, zu beraten und zu vermit- teln. Über die Chancen zur Veränderung und Re- stabilisierung eines im Kontext seiner Bezugsgruppe delinquent handelnden Jugendlichen zeichnete Thrasher schon 1926 (Thrasher 1926, 346) für mögliche Jugendhilfemaßnahmen zwei alternative Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art097, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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