Handbuch 5. Auflage
1050 Keppeler · Specht Wege auf: Der Jugendliche muss entweder vollkom- men dem Einfluss der Streetgang entzogen werden oder es muss mit der ganzen Gruppe gearbeitet wer- den. Thrasher wirft den Jugendhilfeinstanzen vor, dass sie fast ausschließlich den ersten und meist er- folglosen Weg gewählt und den zweiten größtenteils ignoriert hätten. Dem zweiten Weg folgte ein mehr lebensfeldbezogener und gemeinwesenorientierter Ansatz (Shaw 1929), auf den sich auch Mobile Ju- gendarbeit bezieht (Specht 1979, 38). Die Rezeption der amerikanischen Handlungs- ansätze führte dazu, dass Begriff und Inhalt von Streetwork in den 1960er Jahren auch in Europa aufgegriffen wurden. Sie fanden jedoch im Ge- samtangebot von Jugend- und Sozialarbeit zu- nächst nur eine relativ schwache Resonanz. Dies änderte sich, als offenkundig wurde, dass nur mit der Hereinnahme aufsuchender und niederschwel- liger Ansätze in die Jugend- und Beratungsarbeit insbesondere diejenigen Jugendlichen oder Klien- ten erreicht werden, die Unterstützung und Hilfe am dringendsten brauchten (Specht 1969; Krauß- lach et al. 1976). Der Begriff Mobile Jugendarbeit wurde von Willi Erl eingeführt, der dazu schon 1965 in den USA beim Besuch von Streetwork- Programmen zur Betreuung jugendlicher Banden angeregt wurde (Erl 1971, 81). Nach dem Zweiten Weltkrieg war es in Holland und Deutschland die Gemeinwesenarbeit, deren zentrales Anliegen es war, die Menschen in ihrer Lebenswelt zu aktivieren: „Sie sollen zu Subjekten politisch aktiven Handelns und Lernens werden und zunehmend Kontrolle über ihre Lebensver- hältnisse gewinnen“ (Oelschlägel 1997, 37). Da- von ging vor allem ab den 1970er Jahren ein wich- tiger Impuls für die Entwicklung Mobiler Jugendarbeit aus. In den rasch wachsenden Neu- bau- und Hochhaussiedlungen zeigten sich enorme Verwerfungen und Konflikte aufgrund fehlender oder mangelhafter sozialer Infrastruktur, die ins- besondere bei Jugendlichen ihren Ausdruck fanden in Gewalt, Vandalismus und Bandenbildung (Specht 1979). Mit dem Bezug auf das Gemeinwe- sen macht Mobile Jugendarbeit deutlich, dass es nicht allein damit getan ist, ein neues professionel- les Hilfeangebot aufsuchender Arbeit einzurichten, sondern dass die Bürger und Bürgerinnen dazu motiviert und dabei unterstützt werden müssen, selbst zur sozialen Integration junger Menschen im Wohnquartier beizutragen (Hinte et al. 2001). Eine weitere Entwicklungslinie Mobiler Jugend- arbeit liegt in der Auseinandersetzung mit Konzep- ten Offener Jugendarbeit. Die große Ausbauphase Offener Jugendarbeit vollzog sich in den 1970er Jahren. An einigen Orten entstanden Konflikte zwi- schen Jugendlichen und den Einrichtungen Offener Jugendarbeit, die besonders schwierige und schwer im Haus auszuhaltende Gruppen mit Hausverbot belegten und aus dem Jugendhausalltag mit dem Argument ausgrenzten, dass offene Jugendarbeit für alle da sein müsse. Offene Jugendarbeit verstand sich in dieser Phase als primär standortgebundene und auf die einzelnen Häuser fixierte Arbeit (Böh- nisch/Münchmeier 1987). Diesem Konzept, das auch mit dem Begriff der „Komm-Struktur“ be- zeichnet wurde, stand Mobile Jugendarbeit als ein Konzept mit ausgesprochener „Geh-Struktur“ ge- genüber. Dies sollte der Begriff „mobil“ signalisieren: jene Orte aufzusuchen, an denen sich Jugendliche tatsächlich aufhalten – „mobil sein“. Indem sich die Mobile Jugendarbeit herausbildete, wurde eine Aus- differenzierung im Bereich Offener Jugendarbeit erreicht. Über die Jahre hinweg entwickelte sich eine Art Arbeitsteilung, die der Logik sich ergänzender Angebotsformen in enger Vernetzung und gegen- seitiger Abstimmung folgte. Mobile Jugendarbeit steht für ein lebensweltorientiertes, niedrigschwel- liges und bedarfsgerechtes Angebot, das sich hin- sichtlich Zeiten, Orten und Methoden der Arbeit flexibel auf die Bedürfnisse der Adressatinnen und Adressaten einlässt. Als Arbeitsprinzipien Mobiler Jugendarbeit werden besonders die Aspekte Freiwil- ligkeit hinsichtlich der Art und des Umfangs des Kontakts sowie die Akzeptanz und das Verständnis für die Lebenssituation Jugendlicher genannt. Par- teilichkeit im Sinne einer Interessenvertretungs- und Lobbyfunktion von Jugendlichen und das Bemühen um Transparenz – bezogen auf die Absichten, Mög- lichkeiten und Grenzen das Handeln der Mitarbei- ter(innen) – sind weitere Qualitätsmerkmale Mobi- ler Jugendarbeit (LAG Baden-Württemberg 2005). Zur Weiterentwicklung des Handlungsfeldes, zur Herausbildung von Standards und zur jugendpoliti- schen Vertretung bildeten sich ab 1990 Landes- arbeitsgemeinschaften, die sich 1997 zur Bundes- arbeitsgemeinschaftStreetwork /MobileJugendarbeit zusammenschlossen (BAG 2007; LAG Baden-Würt- temberg 2005; LAK Sachsen 2007; Gillich 2004; 2005; 2006; 2007; 2008; Dölker/Gillich 2009).
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=