Handbuch 5. Auflage
1058 Moral und Soziale Arbeit Von Hans Thiersch Soziale Arbeit ist moralisch fundiert; sie agiert im Anspruch sozialer Gerechtigkeit, um denen, die in besonderen Schwierigkeiten leben, in ihrer Lebens- bewältigung beizustehen und zu einem besseren, zu einem „gelingenderen“ Leben zu helfen. Diese Feststellung scheint selbstverständlich; aber was heißt gelingenderes Leben in der heutigen gesell- schaftlichen Situation? Die Frage führt in der So- zialen Arbeit – und damit in der Gesellschaft, in der Soziale Arbeit agiert – in ein unübersichtliches und widersprüchliches Gelände. Soziale Arbeit – so heißt es – sei in ihren moralischen Ansprüchen oft unklar und verwickelt in schier end- lose Prozesse des Aushandelns, sie sei ineffektiv und benütze das Konzept sozialer Gerechtigkeit, auf das sie sich beruft, um bei ihren AdressatInnen Ansprü- che und eine soziale Konsumhaltung zu erzeugen. Sie folge damit einer Ideologie des nachgehenden Verstehens und der Verwöhnung, einer „Kuschelpäd agogik“, und vernachlässige ihre elementare mora- lische Aufgabe des Wächteramts, des Schutzes von Kindern und Heranwachsenden. – Daneben aber intensiviert sich die Diskussion über die Menschen- rechte als Fundament der Sozialen Arbeit und über die Berufsethik; moralische Ansprüche werden zu- nehmend in das Leitbild sozialer Einrichtungen auf- genommen. Mit diesen Kontroversen ist Soziale Arbeit hinein- gerissen in die derzeitige allgemeine Diskussion über Moral. Die einen beklagen den Verfall der öffentlichen Moral; moralische Kampagnen ver- suchen das Bewusstsein moralischer Zuständigkeit bei Eltern, aber ebenso bei Bürgern zu wecken; moralische Skandale beherrschen immer wieder die öffentliche Diskussion. Andere weisen moralische Begründungen zurück, es gebe Sachgesetze, denen man folgen müsse, Moral sei nicht handlungs- bestimmend, von ihr zu reden, lenke nur von den eigentlichen Strukturproblemen ab. – In der Poli- tik avanciert soziale Gerechtigkeit zu einem zentra- len Thema; die Auseinandersetzung zwischen Mo- ralprinzipien der Leistungsgerechtigkeit und der sozialen Gerechtigkeit gewinnen an dramatischer Schärfe. In neuen Lebensdomänen – in den Me- dien, in den technischen Möglichkeiten der Medi- zin, in der Ökologie – werden Diskussionen über ihre moralischen Grundsätze wichtig, Ethikräte werden eingerichtet. – So liegen Diskurse zur Not- wendigkeit und zur Irrelevanz moralischer Fragen neben denen nach unterschiedlichen moralischen Orientierungen. Skandale, Panik und Kampagnen okkupieren die öffentliche Diskussion und stehen neben der intensiven und angestrengten Diskus- sion um neue moralische Fundierungen. – Die Si- tuation ist offen, ich sehe sie im Kontext eines Ge- sellschaftsverständnisses, das unter dem Titel einer zweiten Moderne Unübersichtlichkeit und Ent- grenzungen ebenso rekonstruiert, wie neue Vertei- lungen von Chancen und Verlusten in den Pro- duktions- und Lebensstrukturen analysiert und neue Verelendungen, Exklusionen und Spaltungen aufdeckt. Die moralische Szene ist Ausdruck von neuen Ungerechtigkeiten und Verstörungen, von Suchbewegungen, Zumutungen und Aufgaben; Moral ist nicht mehr selbstverständlich gegeben, Prinzipien und Verfahren müssen für unterschied- liche Gesellschafts- und Lebensfelder und Auf- gaben neu begründet, ausgehandelt und erkämpft werden. Dies gilt ebenso für die moralische Dis- kussion der Sozialen Arbeit; auch sie sieht sich in Suchbewegungen vor neue Aufgaben gestellt. Diese Fragen sind Gegenstand der Berufsethik, wie sie sich in der Szene in unterschiedlichen Moralko- dizes repräsentiert (Bohmeyer /Kurzke-Maasmeier 2007). Sie verhandeln ebenso die Fragen nach der gesellschaftlichen Funktion der Sozialen Arbeit, wie die nach den Zielen, die sie in der Arbeit mit und für die AdressatInnen zu erreichen sucht, und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art098, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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