Handbuch 5. Auflage

Moral und Soziale Arbeit 1059 den spezifischen Anforderungen, die sich für die professionellen SozialarbeiterInnen stellen. Diese Fragen werden in den Berufskodizes – dem Charakter dieser Gattung gemäß – als Ansprüche für eine Selbstverpflichtung der Sozialen Arbeit in Setzungen postulativ formuliert; ich will darauf im Folgenden nicht näher eingehen und stattdessen versuchen, die Offenheit und Widersprüchlichkeit der Diskussion zu verfolgen. Die Diskussion ist differenziert und breit (Dungs et al. 2006; Lob- Hüdepohl 2007). Hier kann es nur darum gehen, einen Rahmen zu skizzieren, in dem vielleicht der Zusammenhang der unterschiedlichen Aspekte deutlich werden kann. Unterscheidungen Dazu braucht es zunächst grundsätzliche Über- legungen, um Strukturen zu markieren, vor denen dann die heutigen Unübersichtlichkeiten deutlich gemacht und eingeschätzt werden können. Solche Überlegungen aber müssen in diesem Rahmen knapp bleiben; philosophisch ausholende Fragen z. B. nach der Begründung von Moral können hier nicht verfolgt werden; ich beschränke mich auf ei- nige – unerlaubt unbegründete und undifferen- zierte – Setzungen und Unterscheidungen, auf die ich für die folgende Erörterung sozialpädagogischer Probleme nicht verzichten kann. In der allgemeinen Diskussion werden häufig Mo- ral und Ethik unterschieden. Moral meine das kon- krete Handeln, Ethik seine Reflexion. Diesen Un- terschied will ich im Folgenden nicht benützen, da die Grenzen zwischen beiden Diskursen seit je fließend sind und in unserer so unübersichtlichen und widersprüchlichen Situation sich zunehmend verwischen. Und: Moral bezieht sich auf unter- schiedliche Dimensionen, auf den unmittelbaren Umgang zwischen Menschen – die Ich-Du-Bezie- hungen – aber ebenso auf die Struktur von Institu- tionen, die sich auch als geronnene Moral verstehen lassen. Und schließlich: Moral ist historisch be- stimmt; zwar gibt es offenkundig einige elementare allgemeine Prinzipien – die goldene Regel (Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu!), das Gastrecht, die Ächtung direkter Gewalt im unmittelbaren Umgang; diese aber re- präsentieren sich in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen unterschiedlich. Die goldene Regel galt bis weit in die Neuzeit hinein für Sklaven ebenso wenig wie für Frauen und Kinder. In Bezug auf die Struktur des moralischen Han- delns müssen die Fragen nach Normen von denen nach dem moralischen Handeln unterschieden werden. Normen und Werte geben die inhaltlichen Orientierungen in dem, was in der Gesellschaft als gut gelten und als böse unterbunden werden soll. Sie sind – so habe ich gerade konstatiert – his- torisch und kulturell bestimmt, sie müssen vor al- lem aber jeweils im Zusammenhang mit den das Leben der Gesellschaft insgesamt bestimmenden Bedingungen der materiellen, sozialen und kultu- rellen (symbolischen) Ressourcen gesehen werden; Normen und Werte sind gleichsam ein Aspekt in der Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Von „der“ Gesellschaft und „der“ Moral zu reden, ist aber vereinfachend falsch. Gesellschaft gliedert sich in Zonen oder Gruppen, in denen sich Struk- turen und Moral unterschiedlich profiliert darstel- len. Gesellschaft zeigt sich immer als ein Geflecht von Moralen. Da gesellschaftliche Gruppen in der Regel im Muster von Unter- und Überordnung, also hierarchisch zueinander stehen, ist das Ge- flecht der Moralen immer auch Repräsentation von Macht und Unterordnung, von Moral und Gegenmoral. Im Namen von Moral können Herr- schaftsstrukturen bestätigt, verfestigt und verdeckt werden, Moral kann ebenso Widerstand gegen Herrschaftsstrukturen leisten und so zu einer neuen Ordnung im Geflecht der Moralen führen. Im moralischen Handeln erfährt der Mensch sich als zuständig für die Einhaltung und Realisierun- gen der Normen und Werte vor sich selbst und vor den anderen. Er muss sich im Handeln entschei- den, er erfährt sich als verantwortlich, er kann ge- nügen oder versagen und schuldig werden. Dieser Anspruch des Menschen an Freiheit und Selbst- zuständigkeit wird als unbedingt erfahren; es ist der Kern seiner Würde als Mensch; dieser Anspruch bestimmt auch das alltägliche Handeln, in dem Menschen sich wechselseitig als zuständig für ihr Handeln nehmen und zur Verantwortung ziehen: Sie haben darin ihren Stolz, ihre Ehre. Da mora- lisches Handeln aber immer auf die historische und kulturelle Bedingtheit der verfügbaren Normen und Werte bezogen ist, ergibt sich ein charakteristi- sches Dilemma: Die Relativität der Normen bietet die Möglichkeit, sich im Handeln aus der Selbst- zuständigkeit herauszureden, sich und andere nur

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