Handbuch 5. Auflage

1079 Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4az.art008, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München Anfang der 1970er Jahre erschien der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows 1972), verfasst von Dennis und Donella Meadows. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten, die am Massachusetts Institute of Technology durchge- führt worden waren, erschütterten die Weltöffent- lichkeit (Hamm 2006, 57 f.). Als Kernproblem des verfehlten gesellschaftlichen Entwicklungspfades wurde das quantitative Wachstum der Wirtschaft und der Weltbevölkerung in einer endlichen Welt identifiziert: „Dieses Systemverhalten tendiert ein- deutig dazu, die Wachstumsgrenzen zu überschrei- ten.“ (Meadows 1972, 111). Ebenfalls 1972 fand die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm statt, aus der he- raus das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gegründet wurde. Die Problemwahrnehmung kon- zentrierte sich zu diesem Zeitpunkt auf die ökolo- gische Dimension der industriellen Entwicklung und auf den Umweltschutz. Ein umfassenderes Verständnis erarbeitete die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, die 1983 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen berufen und von der norwegischen Mi- nisterpräsidentin Gro Harlem Brundtland geleitet wurde. Die „Brundtland-Definition“ wurde seit Mitte der 1980er Jahre zur Basis internationaler Diskurse und Politikstrategien. Das Konzept Nach- haltigkeit bezeichnet danach eine Entwicklung, in der die Bedürfnisse heutiger Generationen befrie- digt werden, ohne die Bedürfnisbefriedigung kom- mender Generationen und anderer Weltregionen zu gefährden. Die Brundtland-Definition benennt implizit die drei Dimensionen nachhaltiger Ent- wicklung: die ökologische, die ökonomische und die soziale Dimension. Ökologisch nachhaltige Entwicklung soll Natur und Umwelt als eigenständige Anspruchsberech- tigte und als Lebensgrundlagen auch für die nach- folgenden Generationen erhalten. Ökonomische Nachhaltigkeit orientiert sich daran, die Wert- schöpfungsfähigkeit bei Orientierung an gesell- schaftlichen Bedürfnissen zu erhalten (Biesecker / Kesting 2003, 190). Während in den frühen 2000er Jahren der Schwer- punkt auf der ökonomischen und der ökologischen Dimension lag, rückt seit Ende der 2000er Jahre soziale Nachhaltigkeit als demokratie- und vertei- lungspolitische, sozialpolitische und integrierende nachhaltigkeitspolitische Fragestellung ins Zent- rum (Wallimann 2013). Es geht um den Erhalt der Gesellschaft durch gerechte Teilhabe, Demokratie und Partizipation. Diese drei Dimensionen nach- haltiger Entwicklung heben sektorale Grenzen in Entwicklungsstrategien auf. Die soziale Dimension Die Schlüsselfunktion der sozialen Dimension ist im Brundtland-Bericht deutlich benannt: Es geht um Ausgleich und gerechte Verteilung auch im globalen Kontext, um Bedürfnisbefriedigung aller, um das Recht auf Ressourcenzugang sowie um in- tra- und intergenerative Gerechtigkeit. Der Erdgipfel von Rio de Janeiro (1992) konkreti- sierte die globalen Entwicklungsziele in der „Agenda 21“ und den „Rio-Prinzipien“. Auch der Entwicklungsbericht der Weltbank von 2006 be- legt, in welchem Maße ungleiche Chancenvertei- lungen nachhaltige Entwicklung und Armutsver- ringerung behindern (Weltbank 2006) und kommt zu dem Schluss, dass die Bekämpfung von Armut, das Streben nach Chancengleichheit, ökologische Nachhaltigkeit und die Verfolgung wirtschaftli- chen Wohlstands komplementäre Ziele werden müssen. Die „Lokale Agenda 21“ beschreibt ge- Nachhaltigkeit Von Susanne Elsen

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