Handbuch 5. Auflage
1080 Elsen meinsame globale Ziele und lokal realisierbare Maßnahmen. Seit der Formulierung der Ziele sind 20 Jahre vergangen und sie wurden weit verfehlt. Die CO 2 -Emissionen haben weltweit zu- statt ab- genommen und die Schere zwischen Arm und Reich driftet weltweit weiter auseinander. Auch in- nerhalb der sogenannten entwickelten Länder nimmt die ökonomische Ungleichheit wieder zu. Armut, Unterversorgung und extreme soziale Un- gleichheit sind die stärksten Hindernisse zukunfts- fähiger Entwicklung. Sie sind, so der ehemalige UNEP-Direktor Klaus Töpfer, das schlimmste Umweltgift (Zahrnt 2003, 39 ff.). Die OECD stellte in einer internationalen Vergleichsstudie 2008 fest, dass trotz des enormen wirtschaftlichen Wachstums die Ungleichheit der Einkommen und die Armut zugenommen hätten. Das Umweltpro- gramm der Vereinten Nationen (UNEP) begrün- det die wachsende Zahl der Umweltflüchtlinge mit den Folgen des Klimawandels, des Sinkens der Grundwasserspiegel, der Zerstörung der Küstenre- gionen, der Degradation der Böden und der Wüs- tenbildung. Die ökologischen Problematiken sind untrennbar mit politischen, sozialen und wirt- schaftlichen Entwicklungen verbunden. Die Schä- digung und Zerstörung der Lebensgrundlagen be- lastet insbesondere die Länder des Südens, doch die Verursacher leben in den Ländern des Nordens (Hamm 2006, 82). Das 2004 von William Rees und Mathis Wackernagel entwickelte Instrument des „ökologischen Fußabdrucks“ verdeutlicht diese globale Ungleichverteilung. Würde man jedem Menschen auf der Welt einen gleichen Anteil an der Erdoberfläche zuweisen, um seine Grundbe- dürfnisse zu befriedigen, übernutzen Menschen in den USA, in Kanada und Europa ihren Anteil um das 10- bis 15-Fache, während Menschen in Indien mit einem ökologischen Fußabdruck von 0,38 aus- kommen. Was für die Verteilung der Schäden gilt, gilt umgekehrt für die Verteilung des Reichtums (84). Amartya Sen (Nobelpreis für Wirtschaftswissen- schaften 1998) erlebte 1943 in seiner Kindheit die Hungersnot in Bengalen, der zwischen zwei und drei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Er ver- öffentlichte 1981 eine Analyse über Armut und Hungersnöte (Sen 1981), in deren Zentrum Vertei- lungsprobleme sowie die Frage der Anspruchs-, Ei- gentums- und Zugangsrechte stehen (Sen 1981). Sen zeigte in dieser frühen Publikation, dass Hun- gersnöte sich auf reine Verteilungsprobleme zurück- führen lassen. Menschen würden an Nahrungsman- gel sterben, obwohl der Markt funktioniere. Es sei folglich falsch, ihm in solchen Situationen zu ver- trauen. Die Besitzverhältnisse bzw. der Zugang zu Lebens- grundlagen wurden von vielen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern vor Sen als die ursächliche Komponente der Verteilung von Lebenschancen benannt. Max Weber begründet mit den Besitzver- hältnissen die Machtverteilung innerhalb von Ge- meinschaften (Weber 1985, 531): „Es ist die allerelementarste ökonomische Tatsache, dass die Art, wie die Verfügung über sachlichen Besitz inner- halb einer sich auf dem Markt zum Zweck des Tausches begegnenden und konkurrierenden Menschenvielfalt ver- teilt ist, schon für sich allein spezifische Lebenschancen schafft. Sie schließt die Nichtbesitzenden […] von allen Gütern […] aus…“ Sen vertritt seine verteilungstheoretische Position in der Hochzeit des ökonomischen Neoliberalismus der 1990er Jahre und nimmt damit eine wichtige Gegenposition ein. Er ist heute der bekannteste Wohlfahrtsökonom und seine Theorie über die Vo- raussetzungen von Entwicklung ist Grundlage für Bestrebungen hin zur Nachhaltigkeit. Armut, so Sen, ist ein Mangel an fundamentalen Verwirkli- chungschancen (Capabilities), der trotz wachsen- den Überflusses zahlreiche Menschen betreffe (Sen 2000). Er begründet den Zusammenhang der öko- nomischen, politischen und sozial-kulturellen Di- mensionen für eine nachhaltige Entwicklung. Der von Sen gemeinsam mit Mahub ul Haq 1990 im Auftrag der Vereinten Nationen entwickelte Hu- man Development Indicator (HDI) liegt als Wohl- standsindikator dem Human Development Report zugrunde, der u. a. den Zugang zu Bildung und Le- bensressourcen im Ländervergleich abbildet. Die französische Regierung beauftragte 2008 eine Kommission unter Leitung von Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean Paul Fitoussi, wirtschaftli- chen und sozialen Fortschritt zu messen (Stiglitz et al. 2009). „Es geht um nichts Geringeres als darum, das grundle- gende Fortschrittsparadigma für Völker und Staaten zu verändern, […] hin zu einem auf gerechter Verteilung und Nachhaltigkeit beruhenden Wohlergehen.“
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