Handbuch 5. Auflage
1088 Elsen Ansätze neuer Subsistenz In Verbindung mit der Frage der Wiederaneig- nung und Bewirtschaftung der Commons steht die facettenreiche Bewegung zur Entwicklung von Ansätzen neuer Subsistenz. Im weiteren Sinne las- sen sich darunter alle neuen Formen des freien Engagements zur eigenen und gemeinsamen Le- benssicherung und generell Formen marktunab- hängiger sozialer Produktivität verstehen. Dazu gehören handwerkliche und künstlerische Eigen- arbeit, familiäre und überfamiliäre Sorgearbeit und urbane Landwirtschaft als derzeit stärkste Be- wegung (www.urbanagriculturebasel.ch) . Urbane Landwirtschaft ist ein Symbol der Gestaltung der Postwachstumsgesellschaft, die einerseits eine stärkere Unabhängigkeit von Markt und Staat an- strebt, andererseits auf Grundlagen der eigenstän- digeren Lebenssicherung angewiesen ist (Müller 2011). Die ersten Berliner Parks werden von Anwohnerin- nen und Anwohnern übernommen und in Eigen- regie betrieben. Der Berliner Senat sah sich nicht mehr in der Lage, die zahlreichen Parks und öffent- lichen Gärten zu pflegen. Die Übertragung an die Bürgerinnen und Bürger zeugt auch von wachsen- der öffentlicher Armut und ist Teil neuer Bewälti- gungsstrategien privater Armut. Eine Romantisie- rung ist unangebracht. Doch die Möglichkeiten gemeinsamer Alltagsbewältigung oder der Aneig- nung produktiver Räume ist ein zentraler Aspekt ökosozialer Entwicklung und unter sozial- und umweltpolitischer Sicht ein großes Potenzial, wel- ches in Verbindung mit einer bedingungslosen Grundsicherung zu denken wäre. Solidarsysteme für die veränderte Demografie Die aktive Gestaltung einer alternden Gesellschaft kann Schritte in die Postwachstumsgesellschaft er- öffnen. Alter bedeutet nicht nur Hinfälligkeit, Pflegebedürftigkeit und soziale Last. Es bedeutet auch Wissen, Handlungsbereitschaft, Erfahrung und eine relative Zeitsouveränität. Die heute älte- ren Menschen sind in ihrem Funktionsstatus, in ihren Fähigkeiten und ihrer sozialen Engagement- bereitschaft nicht zu vergleichen mit jenen, die noch vor wenigen Jahrzehnten in diesem Lebens- abschnitt standen (Dietzel-Papakyriakou et al. 2007). Sie sind nicht zu reduzieren auf ihren Be- darf an Sorge und Pflege, sondern sie sind wahrzu- nehmen als Menschen auf der Suche nach sozial- produktiven Handlungsoptionen. Die Angst vor Armut, Einsamkeit und Fremdbe- stimmung im Alter einerseits und die Engagement- bereitschaft und Experimentierfreude von älteren Menschen andererseits stehen hinter den Grün- dungen von Seniorengenossenschaften (Elsen 2003, 57 ff.). Das genossenschaftliche Identitäts- prinzip und das Demokratieprinzip gewährleisten Selbstkontrolle, Selbstorganisation und Selbstbe- stimmung. Kern der Seniorengenossenschaft bil- den generationsübergreifende Zeitbanken (Lietaer 2002, 326). Zeit hat dabei die gleichen Funktionen wie Geld: Sie ist Tauschmedium, Recheneinheit und Mittel der Wertaufbewahrung. Alle Menschen verfügen über Zeit, auch und besonders diejenigen, die wenig Geld haben und ihr Arbeitsvermögen im monetarisierten Markt nicht einbringen können (Elsen 2007, 248 ff.). Gemeinwohlökonomie Ausgehend von Polanyis Analyse des Prozesses der gesellschaftlichen Entbettung des Wirtschaftssys- tems (Polanyi 1995) als Kennzeichen der kapitalis- tischen Modernisierung, ist die systematische und schrittweise Umkehrung in Form der bewussten Rückbettung eine wirksame Strategie. Der österreichische Sozialwissenschaftler Christian Felber hat das Konzept der „Gemeinwohlökono- mie“ (2012) entwickelt und in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmen in einen Prozess der Neugestaltung des Wirtschaftens im gesell- schaftlichen Kontext einbeziehen können. Felbers Konzept ermöglicht realisierbare und überprüfbare Schritte hin zu einer ökologisch und sozial verant- wortlichen Wirtschaftsweise. Die derzeit stärkste Gruppe der Gemeinwohlunternehmer befindet sich in Südtirol und wird von TERRA-Institute Brixen begleitet. Ich begleite die Gruppe wissen- schaftlich und kann den Entwicklungsprozess ver- folgen. Gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, so die Pio- niere, soll öffentlich anerkannt sowie finanziell und strukturell unterstützt werden. Dies bedeutet eine politische Weichenänderung in der Subven-
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