Handbuch 5. Auflage

Nachhaltigkeit 1087 lektiver Selbstorganisation und nachhaltiger Ent- wicklung zu betrachten. Professionelle Arbeit am Sozialen müsste heute die ökosozialen Entwicklungserfordernisse einerseits und die Förderung der grundlegenden Fähigkeiten (Capabilities) und Tätigkeiten von Menschen an- dererseits zum Ausgangspunkt nehmen. Garant sozialer Nachhaltigkeit ist das Identitätsprinzip von Betroffenen und Beteiligten, wie es idealtypisch in Sozialgenossenschaften realisiert wird. Von zentra- ler Bedeutung ist die Stärkung der Organisations- und Bewältigungsfähigkeiten von Menschen und die Schaffung von Ermöglichungsstrukturen für ökosoziale Aktivitäten. Dies beinhaltet auch die existenzielle Absicherung. Gestaltender Sozialpoli- tik und Sozialer Arbeit kämen die Aufgaben zu, Optionen zu erschließen und insbesondere be- nachteiligten und verwundbaren Gruppierungen sozialproduktiv zu nutzen. Soziale Experimente sind angesichts einer höchst unsicheren Zukunft Labore für die Erprobung von Politiken der Mög- lichkeiten (Elsen 2013). Ansätze ökosozialen Wirtschaftens Im Zentrum der ökosozialen Transformationserfor- dernisse steht die Rückbettung wirtschaftlicher Handlungsvollzüge in den gesellschaftlichen Zu- sammenhang. Aus dieser Perspektive ist Wirtschaf- ten von den Bedürfnissen der Menschen, des Ge- meinwesens und der Biosphäre aus zu denken. Die (Re-)Produktion und Bewirtschaftung des Gemein- wesens ist Kontext, Ziel und Grundlage der vielfäl- tigen Formen der Gemeinwesenökonomie. Diese umfasst Subsistenzwirtschaften, Familienökono- mien, Tauschwirtschaften, Gemeinschaftsnutzun- gen, Kooperativen, sozialökonomische Netzwerke und eingebundene Marktunternehmen. Wirtschaf- ten ist ein zentraler Aspekt des Zusammenlebens im Gemeinwesen (Elsen 1997). Im Folgenden stelle ich vier Ansätze der Gemein- wesenökonomie in den Kontext der Wachstums- wende und reflektiere ihr Potenzial für eine nach- haltige lokal-regionale Entwicklung. Genossenschaften 1. Ansätze neuer Subsistenz 2. Neue Solidarsysteme für die veränderte Demografie 3. Gemeinwohlökonomie 4. Diese Ansätze sind nicht neu und für alle lassen sich historische Wurzeln nachweisen, die mit der Entfaltung des Kapitalismus zum Verschwinden gebracht wurden. Sie sind vor dem Hintergrund der heutigen Erfordernisse neu zu bewerten und als Beiträge zur Lebenssicherung zu entfalten. Dabei sind sie stets gegen Versuche der Instrumentalisie- rung und weiteren Enteignung von Menschen und Gemeinwesen zu verteidigen. Dies wäre eine zeit- gemäße Weiterentwicklung eines ermöglichenden Sozialstaates mit starken zivilgesellschaftlichen Ver- ankerungen (Elsen 2013). Genossenschaften Genossenschaften eignen sich als Vorreiter einer anderen Modernisierung, die nicht von Kapital- und Wachstumsinteressen, sondern von der Ver- antwortung für die Erhaltung der Gesellschaften und ihrer Lebensgrundlagen dominiert wird (Pan- koke 2000, 189 f.). Sie erwiesen sich in der Ge- schichte und sie erweisen sich heute in vielen Welt- regionen als Organisationsformen der ökosozialen Transformation und Entwicklung. Als soziale und ökonomische Gemeinschaftsformen entstehen sie nicht ohne Grund weltweit neu. Ihr besonderes Po- tenzial liegt in der Mischung von Kultur- und Strukturelementen verschiedener gesellschaftlicher Handlungslogiken und der Herausbildung sozial eingebundener und bedarfsspezifischer Lösungen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich. Ihr Aktionsradius ist überwiegend lokal und regio- nal, was sie für alle Ansätze nachhaltiger Entwick- lung interessant macht. Aus diesem Grund sind sie gerade auch für die lokale und regionale Versor- gung und die Bewirtschaftung von Gemeingütern geeignet. Die Förderung von Genossenschaften ge- nießt in Italien seit 1947 und in Bayern seit 1946 Verfassungsrang. In der Krise besinnt man sich nun wieder auf diese klassische Alternative zur kapitalis- tischen Wirtschaftsweise. Das ökonomische Poten- zial der Genossenschaft liegt darin, Kräfte bündeln und den Markt durch die Mitgliederwirtschaft ten- denziell ausschalten zu können sowie im Identitäts- prinzip. Wertschöpfung und Wertverteilung folgen derjenigen Zweckbestimmung, die von den Mit- gliedern definiert wird, und sie sind nicht domi- niert von Investoreninteressen.

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