Handbuch 5. Auflage
Nationalsozialismus 1101 auch die in der Sozialen Arbeit tätigen Männer) um- standslos unter einem Begriff von „Täterschaft“ zu subsumieren sind, wozu die neue Forschung tendiert (Lehnert 2003; Kompisch 2008, 100–154). Hier bedarf es einer stärkeren Differenzierung oder Gra- dualisierung von Täterschaft, die im Konzept der weiblichen Handlungsräume mittlerweile seit eini- gen Jahren existiert (Heinsohn et al. 1997; Steinba- cher 2007). Ein weiteres Problem der Forschung liegt in der Frage des methodischen Zugriffs. Das NS-Regime war durch eine zunehmende Verschmelzung unter- schiedlicher Politikfelder gekennzeichnet, die sich pars pro toto auch innerhalb der Sozialen Arbeit beobachten lässt. Es ist zwar weiterhin notwendig, deren Institutionen in den Blick zu nehmen, wenn man die Profession analysiert. Zusätzlich bedarf es jedoch einer stärkeren Verzahnung sowohl mit an- deren Politikfeldern als auch zwischen den einzel- nen Bereichen Sozialer Arbeit, um zu einer inte- grierten Geschichte zu gelangen (als Beispiel Peukert 1982). Soziale Arbeit war eine zentrale Praxis, in der sich „Volksgemeinschaft“ tagtäglich konkretisierte. Inklusion und Exklusion gingen dabei, wie bei Propaganda, Gewalt und Mobilisie- rung, Hand in Hand. Um diesen Prozess zu ana- lysieren, scheint das Konzept „Volksgemeinschaft“, das sowohl Inklusion und Exklusion thematisiert als auch Soziale Arbeit mit den anderen Politikfel- dern zu verzahnen in der Lage ist, viel versprechend zu sein. Dabei wird auch die Frage nach dem all- gemeinen Stellenwert von Sozialer Arbeit innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsord- nung neu zu stellen sein. Weil die meisten His- toriker inzwischen von einem gleitenden Übergang zwischen Weimarer Republik und NS-Staat aus- gehen, sind Vergleiche demokratischer mit unde- mokratischen Gesellschaften in Zukunft nicht mehr undenkbar. Jedenfalls hat schon Theodor W. Adorno in seinem viel zitierten Radiovortrag „Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit? “ von 1959 eine solche Perspektive zumindest angedeu- tet, indem er die soziale Praxis des NS-Herrschafts- systems folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Die vielberufene Integration, die organisatorische Verdichtung des gesellschaftlichen Netzes, das alles einfing, gewährte auch Schutz gegen die universale Angst, durch die Maschen durchzufallen und ab- zusinken. Ungezählten schien die Kälte des ent- fremdeten Zustands abgeschafft durch die wie im- mer auch manipulierte und angedrehte Wärme des Miteinander; die Volksgemeinschaft der Unfreien und Ungleichen war zugleich auch Erfüllung eines alten, freilich von alters her bösen Bürgertraums“ (Adorno 1986, 562). Literatur Adorno, T.W. (1986): Gesammelte Schriften. Band 10: Kul- turkritik und Gesellschaft I/II. Suhrkamp, Frankfurt/M. Aly, G. (2005): Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und na- tionaler Sozialismus. Fischer, Frankfurt/M. – (2003): Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen. Fischer, Frankfurt/M. – (1995): „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Fischer, Frankfurt/M. – (1989) (Hrsg.): Aktion T 4 1938–1945. Die „Euthanasie“- Zentrale in der Tiergartenstr 4. 2.Aufl. Edition Hentrich, Berlin –, Roth, K.-H. (1984): Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus. Rot- buch, Berlin Auts, R. (2001): Opferstock und Sammelbüchse. Die Spen- denkampagnen der freien Wohlfahrtspflege vom Ersten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre. Schöningh, Pader- born/München/Wien/Zürich Bajohr, F. (2009): Dynamik und Disparität. Die nationalso- zialistische Rüstungsmobilisierung und die „Volksgemein- schaft“. In: Bajohr, F., Wildt, M. (Hrsg.), 78–93 – (2000): Verfolgung aus gesellschaftsgeschichtlicher Per- spektive. Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Ju- den und die deutsche Gesellschaft. Geschichte und Gesell- schaft 26, 629–652 – (1997): „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jü- dischen Unternehmer 1933–1945. Christians, Hamburg –, Pohl, D. (2006): Der Holocaust als offenes Geheimnis. Die Deutschen, die NS-Führung und die Alliierten. C.H. Beck, München –, Wildt, M. (Hrsg.) (2009): Volksgemeinschaft. Neue For- schungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus. Fi- scher, Frankfurt/M. Bock, G. (1986): Zwangssterilisation imNationalsozialismus: Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Westdeut- scher Verlag, Opladen Bommes, M. (1999): Migration und nationaler Wohlfahrts- staat. Ein differenzierungstheoretischer Entwurf. VS Ver- lag, Opladen/Wiesbaden Breiding, B. (1998): Die Braunen Schwestern. Ideologie, Struktur, Funktion einer nationalsozialistischen Elite. Stei- ner, Stuttgart
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