Handbuch 5. Auflage

1105 Neue Religiösität und Spiritualität Von Heinz Streib Wenn Religion seit einiger Zeit wieder verstärkt auf Interesse stößt, richtet sich die Aufmerksamkeit nicht allein auf institutionell gebundene Formen oder Events wie Weltjugend- oder Kirchentage, sondern auch auf neue, eher ungebundene und populäre Ausdrucksgestalten von Religiosität. Spi- rituell zu sein oder nach Spiritualität zu suchen ist nicht mehr peinlich. Im Gegenteil: Nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande hat Spirituali- tät als Selbstbezeichnung einen beachtlichen At- traktivitätsschub erfahren, wie empirische Unter- suchungen zeigen. Von Interesse sind freilich auch religiöse Organisationen und Gruppen, die man vormals als Sekten bezeichnet hat und inzwischen, weniger abwertend, „New Religious Movements“ (NRM) nennt. Allerdings scheint die Attraktivität der NRM nachgelassen zu haben. Beide Typen von de-institutionalisierter Religiosität sind hier in dem Sammelbegriff „Neue Religiosität“ zusammenge- fasst. Dies weist auf Gemeinsamkeiten, kann und soll jedoch Unterschiede und Gegensätze nicht ver- schleiern. Neue Religiosität: Phänomenbeschreibungen und empirische Untersuchung New Religious Movements (NRM) Wir beginnen mit den „älteren“ Formen „neuer“ Religiosität. Bereits ein Blick in Nachschlagewerke (Partridge 2004, Baer /Gasper et al. 2005) kann einen Eindruck davon vermitteln, wie schwierig die Eingrenzung des Phänomenbereichs und eine Klassifikation der immensen Anzahl von Gruppie- rungen und Gemeinschaften ist. Die lexikalische Kategorisierung lehnt sich meist an die Wurzeln der NRM in den Weltreligionen an und unter- scheidet etwa 1) Sondergemeinschaften im Bereich oder Umfeld der christlichen Kirchen, 2) buddhis- tisch, hinduistisch, indigen oder indianisch inspi- rierte Gruppen, 3) Gruppen in den weltlichen Kulturkreisen, die der Esoterik, dem New Age oder den alternativen Lebenshilfen zugeordnet werden. Dabei ist ein nur ungefährer Konsens zu erkennen, was als „neue“ Religion gelten soll: Religionswis- senschaftler wie Hutter (2004) verlegen die Ent- stehungszeit neuer religiöser Gemeinschaften in unserem Kulturraum in die Mitte des 19. Jahr- hunderts und rechnen z. B. Mormonen, die Neu- apostolische Kirche und die Zeugen Jehovas dazu. Aus eher pragmatischen Gesichtspunkten schlägt Barker (1989, 1999) vor, besonders diejenigen Strömungen als NRM zu bezeichnen, die nach 1945 in ihrer gegenwärtigen Gestalt aufgetreten sind. Noch etwas unschärfer ist Chryssides’ (1999) Angabe, dass NRM „sufficiently recent“ sein sol- len; doch setzt dann auch seine Beschreibung mit Zeugen Jehovas und Mormonen als „new Christian NRM“ ein, um dann das gesamte Spektrum neuer christlicher, buddhistischer, hinduistischer, heid- nischer, New-Age-orientierter Gruppierungen bis hin zum „Human Potential Movement“ zu dis- kutieren. Die Anzahl der Gruppen und Organisationen, die zu den NRM zu rechnen sind, lässt sich nur grob schätzen. Wenn man vom eben genannten unge- fähren Konsens ausgeht und sowohl „ältere“ kir- chenähnlich organisierte religiöse Gemeinschaften christlichen Ursprungs als auch New-Age- und Psychogruppen den NRM zurechnet, sind Schät- zungen von etwa 2.000 verschiedenen neureligiö- sen Gruppen in Europa und über 10.000 weltweit (Barker 1999) vermutlich kaum zu hoch gegrif- fen. Schwierig ist es auch, einigermaßen verläss- liche Zahlen der Größe von neu-religiösen Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art155, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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