Handbuch 5. Auflage
1106 Streib Gruppierungen zu erhalten: Der Religionswissen- schaftliche Medien- und Informationsdienst e. V. (REMID) in Marburg ist zwar auf seiner Website um die jeweils aktuell verfügbaren Zahlen für Deutschland bemüht, muss jedoch teilweise auch auf die Angaben der Organisationen selbst zu- rückgreifen, die nicht selten schon dadurch über- trieben sind, weil Dekonvertiten („Aussteiger“) nicht abgezogen werden und teilweise Doppel- mitgliedschaften bestehen (Barker 1999). Empirische Forschung im Bereich der NRM be- steht aus einer kaum zu übersehenden Vielfalt von eher ethnologisch vorgehenden Einzelstudien zu den religiösen Gemeinschaften und Gruppen sowie aus eher biografisch-rekonstruktiv und religions- psychologisch orientierten Fallstudien zu Konver- titen und Dekonvertiten (exemplarisch: Streib 1998a; Streib /Hood et al. 2009; Namini /Murken 2009) Betroffen sind nicht nur Jugendliche. Die Rede von den sogenannten „neuen Jugendreligionen“ geht vor allem auf ein Buch von Haack (1974) zurück, das große Verbreitung gefunden hat. Demzufolge sollen als Jugendreligionen – im Un- terschied zu den von den christlichen Kirchen dissidierenden Jugend sekten – solche Gruppierun- gen bezeichnet werden, die nicht-christlich und überwiegend fernöstlich inspiriert sind, von ei- nem „heiligen Meister“ geführt werden, sich als „gerettete Familie“ formieren und ein „rettendes Prinzip“ für die Menschheit besitzen. Der Begriff Jugendreligion unterstellt eine besondere Anzie- hungskraft dieser Gruppen auf Jugendliche. Dies kann kritisiert werden, vor allem weil dadurch als Verführung der Jugend inkriminiert wird, was ebenso die Erwachsenen betrifft. Auch sind die damals jugendreligiös Bewegten, so sie denn dabei geblieben sind, inzwischen im höheren Lebens- alter. Dennoch wird genau zu beobachten sein, ob sich Jugendliche, besonders wenn ihnen Unüber- sichtlichkeit und Orientierungsverlust, Leistungs- druck und Chancenlosigkeit über den Kopf wachsen, NRM zuwenden, von denen sie sich Halt und Identität in einer festen, vielleicht tota- len, Gemeinschaft versprechen, oder ob sie andere Alternativen finden. Populäre Religion In deutlichem Unterschied zur Skizzierung der re- ligiösen Landschaft als Konkurrenzfeld fest organi- sierter religiöser Institutionen und Gemeinschaften zeichnen jüngere Veröffentlichungen ein anderes Bild neuer Religiosität: das Bild einer „fluiden Re- ligion“ (Lüddeckens /Walthert 2010), die aufgrund des Bedeutungsverlusts totaler Gemeinschaften in einer Diffundierung in unverbindlichere Formen religiöser Zugehörigkeit besteht. Wenn jedoch Re- ligiosität nicht mehr in fester Zugehörigkeit und exklusiver ritueller Observanz besteht, sondern sich weiter und radikaler individualisiert, mutiert solch neue Religiosität zum Patchwork-Gesamt- kunstwerk des je einzelnen religiösen Individuums. Neue Religiosität kann dann leichter populär wer- den. In diesem Sinn ist Knoblauchs (2009; 2010) Be- griff von „populärer Religion“ zu verstehen. Knob- lauch sieht die gegenwärtigen populären Ausdruck- gestalten des Religiösen zwar vorbereitet in einer bereits Jahrzehnte zuvor einsetzenden Renaissance des Religiösen in unserer Kultur, wozu nach seiner Einteilung neben institutionsnahen Bewegungen wie fundamentalistische, charismatische und evan- gelikale Erweckungen auch New Age, Esoterik und Okkultismus gehören. Diese bereits sehr weiten und unscharfen Sammelbegriffe werden im Begriff der „populären Religion“ noch weiter (und un- schärfer): Knoblauch fasst darunter ein immenses Spektrum an Strömungen und Praktiken, die von Neopaganismus, Schamanismus, Geistheilung, Yoga, Ayurveda, Astrologie, Tarotkartenlegen bis zu New Thought, Bioenergetik, Human-Potential- Bewegung und spirituellen Therapieverfahren rei- chen. Somit werden das in Mode gekommene Wandern auf dem Jakobsweg, die Begleitung durch Engel im Alltag, „Unterhaltungen“ mit Geistern, Hoffnung auf ein neues ganzheitlich-harmonisches Zeitalter, ebenso wie spirituelle Alternativmedizin und vieles mehr zu Beispielen für Ausdrucksgestal- ten einer neuen Religiosität, die als populäre Reli- gion in der Öffentlichkeit und auch in der Wissen- schaft zunehmend Beachtung erfährt. Diese neue populäre Religion ist nicht mehr an Kirchen oder an Versammlungsräume charismati- scher Prediger oder Gurus gebunden, sondern wird individuell gepflegt, als Klient in einer Praxis oder bei einem Workshop gesucht, findet, in neuer
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