Handbuch 5. Auflage
1114 Neurobiologie Von Manfred Spitzer Bis vor wenigen Jahren war die Schnittmenge der Themengebiete Neurobiologie einerseits und Sozi- alarbeit bzw. Sozialpädagogik andererseits praktisch noch leer. Ein Artikel über das Eine im Handbuch über das Andere reflektiert damit zunächst die Tat- sache, dass sich dies geändert hat, und verlangt ein- leitend nach einer Begründung. Diese liegt zu- nächst darin, dass Phänomene und Fragestellungen des Sozialen seit einigen Jahren auch mit neurowis- senschaftlichen Methoden erforscht werden. Im anglo-amerikanischen Sprachraum hat sich hierfür längst der Begriff der Social Neuroscience (Cacioppo et al. 2002; 2006; Cacioppo / Berntson 2004; Gal- lese et al. 2004; Harmon-Jones /Winkileman 2007; Harmon-Jones / Beer 2009; Spitzer 2008; 2004a) etabliert (Abb. 1). Zudem hat sich herumgespro- chen, dass die alten Grabenkämpfe zwischen Na- tur- und Geisteswissenschaft im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß sind. Die „Deutungshoheit“ hat ganz einfach derjenige, der zur Lösung eines Problems etwas Interessantes, Neues, Wichtiges, Unerwartetes oder Handlungsrelevantes beitragen kann. Nicht selten sind es dabei die interdisziplinä- ren Ansätze, die neue Einsichten liefern: so etwa die Arbeit des Diplom-Mathematikers Michael Kosfeld vom Züricher Institut für empirische Wirt- schafts forschung zu den sozialpsychologischen Aus- wirkungen eines aus der Gynäkologie bekannten Hormons: Oxytocin ändert das Vertrauen von Menschen (Kosfeld et al. 2005). Selbst in systema- tischer Hinsicht ergeben sich Gemeinsamkeiten zwischen Neurobiologie und Sozialpädagogik: Für den Pädagogen Hartmut von Hentig (2010) ist Pädagogik immer auch Sozialpädagogik; er hat prägende Jahre in den USA verbracht, und die An- gelsachsen sprechen von Education , unterscheiden also nicht zwischen Erziehung und Bildung. Das menschliche Gehirn auch nicht! Das Gehirn lernt immer Es gehört sicherlich zu den wichtigsten Erkennt- nissen der vergangenen zwei Jahrzehnte, dass sich unser Gehirn dauernd nach Maßgabe unserer Er- fahrungen ändert. Lernen findet damit immer statt, wenn im Gehirn Prozesse des Erlebens, Füh- lens, Denkens, Entscheidens und Handelns ablau- fen (Spitzer 2002). Man spricht von Neuroplas- tizität, sofern man nicht den psychologischen Vorgang des Lernens, sondern den neurobiologi- schen Vorgang der Veränderung der Verbindungs- tärke zwischen Nervenzellen (Synapsen) meint. Über diese Verbindungen laufen die elektrischen Impulse (Aktionspotenziale), die letztlich die zen- tralnervöse Informationsverarbeitung ausmachen. Die Anzahl dieser Verbindungen liegt in der Grö- ßenordnung von einer Million Milliarden (10 15 ), womit deutlich wird, wie groß die Speichermög- lichkeiten des menschlichen Gehirns sind. Anhand einzelner Erlebnisse werden dabei nicht Einzelheiten gespeichert, sondern allgemeine Regeln Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art101, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München Abb. 1: Soziale Neurowissenschaft als Schnittmenge von Sozialarbeit/-pädagogik und Neurobiologie Wahrnehmen Denken Motorik Emotionen Vegetativum Lernen Gedächtnis Verhalten Motivation Vertrauen Fairness Empathie Entscheiden Gleichheit Aggression Liebe Schicht Bildung Norm Handlung Gesellschaft System Rolle Erziehung Gruppe Neurobiologie Sozialarbeit/ -pädagogik
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