Handbuch 5. Auflage
Neurobiologie 1115 und Zusammenhänge, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Einstellungen und Haltungen. Im Vorschulalter wird viel gespielt, und sehr vieles (nicht nur Laufen und Sprechen) wird genau durch und im Spiel all- gemein gelernt. Auch in der Schule ist das Lernen nicht grundsätzlich anders: Das Gehirn lernt nach wie vor immer, unterscheidet nicht zwischen Schul- zeit und Freizeit, sondern baut in sich allgemeine Regeln anhand einzelner Erfahrungen auf. Die Ge- hirnforschung lehrt uns, dass das Allgemeine an Beispielen gelernt wird und gerade nicht durch das Auswendiglernen von Regeln. Ein Mensch lernt auf diese Weise Laufen und Sprechen, Rücksichtnahme und Fairness, „Bitte“ und „Danke“, Teilhabe an seiner Gruppe und Selbstbestimmung, Singen im Chor und ein Solo „gegen“ den Chor; Lesen, Schreiben, Rechnen, Latein und die binomischen Formeln; Flora und Fauna, die chemischen Ele- mente, das Archimedische Prinzip, die gewalttätige Geschichte und die Vorteile der Gewaltenteilung. Wenn es glückt, greifen dabei Schulzeit und Frei- zeit sinnvoll ineinander: Beim Fußball- oder Gei- genspiel lernt ein Kind, dass Übung seine Fähigkeit verbessert, und bei einem Geigenvorspiel oder ei- nemTurnier lernt es, eine Situation zu bestehen, in der es „darauf ankommt“. Wer beides gelernt hat – das Lernen und das Bestehen – wird Anforde- rungssituationen erfolgreicher bestehen, völlig un- abhängig davon, ob es um Latein oder Mathema- tik, eine Bewerbung oder eine Bewertung (etwa im Rahmen eines Handlungsdilemmas) geht. Die Beispiele machen deutlich, dass dieses implizite Lernen (wie es auch genannt wird, um es vom ex- pliziten Lernen von Fakten zu unterscheiden) vor allem auch den sozialen Bereich betrifft. Einstel- lungen, Gewohnheiten, Haltungen, Verhaltens- normen, Rollen und nicht zuletzt Werte werden nicht anders gelernt als das Sprechen: anhand von Beispielen, die selbst aktiv erlebt oder beobachtet werden. Das soziale Gehirn Primaten lebten im Laufe ihrer Evolution in Grup- pen zunehmender Größe, für deren reibungsloses Funktionieren als Gruppe ganz offensichtlich be- stimmte Anpassungsvorgänge im Gehirn sorgten, die Funktionen und Mechanismen von Sozialver- halten betreffen. Zu den wahrscheinlich bekann- testen dieser Mechanismen zählen wahrscheinlich die sogenannten Spiegelneuronen , die man korrek- ter als Imitationsneuronen bezeichnen müsste. Entdeckt wurden sie durch italienische Wissen- schaftler aus Parma im motorischen System bei Affen (Gallese et al. 1996; Rizzolatti / Sinigaglia 2008). Manche Neuronen, die eigentlich für die Planung komplexer Bewegungen zuständig sind, werden nicht nur beim Ausführen dieser Bewegun- gen aktiv, sondern auch beim Wahrnehmen der gleichen Bewegung bei einem anderen. Dieser An- dere ist normalerweise ein anderes Individuum der gleichen Art. Entdeckt wurde das ganze aber bei einem Affen, der nach Weintrauben greifen konnte und der einen Menschen (den Versuchsleiter) sah, wie dieser nach den Trauben griff. „Die Beobach- tung einer Handlung ruft beim Betrachter die au- tomatische Simulation der gleichen Handlung her- vor. Dieser Mechanismus erlaubt auf implizite Weise das Verständnis der Handlung eines ande- ren“ erläutern Gallese und Buccino (2010, 44) dieses Phänomen. Wie Experimente (Umiltà et al. 2001) zeigten, ver- mitteln Spiegelneuronen die Bedeutung einer Handlung und nicht einfach nur deren äußerlichen visuellen Eindruck. Zudem können Spiegelneuro- nen auch die akustische Modalität betreffen, also z. B. aktiv sein, wenn der Affe hört , dass jemand nach einem Schlüsselbund greift (Kohler et al. 2002). Rizzolatti und Graighero (2004) nennen aufgrund ihrer Studien einen Anteil von 33% so- matosensorischer, 11% visueller und 56% bimo- daler (somatosensorisch und visuell) Neuronen an allen untersuchten Spiegelneuronen. Es scheint also, als würde mindestens die Hälfte dieser Neuro- nen Handlungen auf einer abstrakten Ebene kodie- ren. Auch im menschlichen Gehirn ließen sich Spiegel- neuronen mittels bildgebender Verfahren wie der funktionellen Resonanztomografie (fMRT) nach- weisen (Buccino et al. 2001). Deren Aktivität ist nicht auf die Hand beschränkt, sondern auch auf Aktionen (bzw. deren Beobachtung) von Mund oder Fuß. Man konnte zudem zeigen (Buccino et al. 2004a), dass deren Aktivierung mit dem Ver- ständnis der Handlung, deren Einordnung bzw. Bedeutung zusammenhängt: Beobachten Men- schen einen Hund oder einen anderen Menschen bei der Nahrungsaufnahme, werden jeweils Spie- gelneuronen aktiviert, die „eigentlich“ für Mund-
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