Handbuch 5. Auflage
1122 M. Spitzer Zusammenhang mit dem vorstehenden Experi- ment für die Probanden nicht ersichtlich war. Sie betrachteten im MR-Tomographen die Gesichter dunkelhäutiger („schwarzer“) und hellhäutiger („weißer“) Menschen. Untersuchte man nun, wo im Gehirn beim Betrachten schwarzer Gesichter mehr Aktivierung vorlag als beim Betrachten wei- ßer Gesichter, so zeigten sich diejenigen Areale, die mit kognitiver Kontrolle in Verbindung gebracht werden (Abb. 4a). Von besonderer Bedeutung war die Tatsache, dass diese Bereiche der kognitiven Kontrolle umso stär- ker aktiv waren, je größer die (zuvor mittels IAT gemessenen) Vorurteile waren (Abb. 4b, c). Zudem war die Aktivität in diesen Bereichen während der Darbietung schwarzer Gesichter mit der Interfe- renz im Stroop-Test korreliert, und schließlich er- gab eine Regressionsanalyse, dass die Aktivität des mittleren präfrontalen Gyrus den Effekt des IAT vermittelte. Dies wiederum stützt die Hypothese, dass die in diesem Bereich des Frontalhirns gelege- nen Ressourcen der Unterdrückung unerwünschter automatischer Reaktionen (d. h. der Unterdrü- ckung von Vorurteilen) erschöpflich sind und das schlechte Abschneiden im Stroop-Test nach Inter- aktion mit einem schwarzen Versuchsleiter bewirk- ten. Daher sei noch einmal betont, dass die Effekte nur gefunden wurden, wenn die Versuchsperson nach der Messung der Vorurteile mit einem schwar- zen Versuchsleiter diskutierte. Die Autoren resü- mieren wie folgt: „Die gegenwärtigen Resultate zeigen daher an, dass der vorgeschlagene Mechanismus für den Einfluss von Ras- senvorurteilen auf die Hemmungsleistung [falscher Ant- worten] nach dem Zusammentreffen von Vertretern un- terschiedlicher Rassen nicht auf soziale Interaktionen zwischen Vertretern gleicher Rasse generalisiert“ (Riche- son et al. 2003, 1325; Übersetzung durch den Autor). Diese Interpretation der Daten ist nicht zwingend (Gehring et al. 2003). Man konnte jedoch in dieser Studie erstmals zentralnervöse Mechanismen und Prozesse identifizieren, mit denen sich die Effekte von Vorurteilen auf spezifische soziale Denkpro- zesse studieren lassen (Richeson / Shelton 2003). Ausblick In einer Zeit, in der Aufklärung mehr Not tut denn je, in der sich die westliche Welt an Kriege vor ihrer Haustür ebenso gewöhnt hat wie der Rest der Welt schon immer und in der rassenbezogene Vorurteile im Zuge der Globalisierung (und der Angst aller davor) eher wieder auf dem Vormarsch sind, kann empirischen Studien zur Neurobiologie sozialer Denk- und Verhaltensweisen nicht genug Beach- tung geschenkt und nicht genug Förderung zuteil werden. Ob die Menschheit das 21. Jahrhundert überlebt, wird nicht so sehr davon abhängen, ob die Physiker eine allgemeine Theorie der Materie hervorbringen werden, sondern vielmehr davon, ob Sozialwissenschaftler eine naturwissenschaftlich fundierte, robuste und praxisrelevante Theorie des Menschseins hervorbringen werden, die es uns er- laubt, besser miteinander umzugehen, als wir dies bislang taten (Spitzer 2004). Die Umsetzung und Anwendung solcher Erkenntnisse durch die Sozial- arbeit wird viel translationale Forschung erfordern (Spitzer 2009). Nur sie gewährleistet, dass grund- lagenwissenschaftliche Erkenntnisse in die tägliche Lebenspraxis, die neben allgemeinen Regeln auch immer die Kunst von deren Anwendung voraus- setzt, eingehen. Literatur Anonymus (2003): Scanning the Social Brain (Editorial). Nature Neuroscience 6, 1239 Brosnan, S.F., Waal, F.B.M. de (2003): Monkeys Reject Unequal Pay. Nature 425, 297–299 Buccino, G. , Binkofski, F., Fink, G., Fadiga, L., Fogassi, L., Gallese, V., Seitz, R.J., Zilles, K., Rizzolatti, G., Freund, H.-J. (2001): Action Observation Activates Premotor and Parietal Areas in a Somatotopic Manner: An fMRI Study. European Journal of Neuroscience 13, 400–404 –, Lui, F., Canessa, N., Patteri, I., Lagravinese, G., Benuzzi, F., Carlo, A., Porro, C.A., Rizzolatti, G. (2004a): Neural Circuits Involved in the Recognition of Actions Performed By Nonconspecifics: An fMRI Study. Journal of Cognitive Neuroscience 16, 114–126
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