Handbuch 5. Auflage

1124  Normalität und Normalisierung Von Udo Seelmeyer und Nadia Kutscher Mit den Begriffen „Normalität“ und „Normalisie- rung“ verbinden sich analytische und programma- tische Ideen, die unter dieser Terminologie spätes- tens seit den 1980er Jahren in Theorie und Praxis Sozialer Arbeit prägende Bedeutung erlangt haben. Der Begriff „Normalisierung“ findet dabei auf un- terschiedlichen Ebenen Verwendung. Er beschreibt (a) in pädagogisch-konzeptioneller Hinsicht eine möglichst nicht-stigmatisierende, alltags- und le- bensweltorientierte Ausgestaltung von Angeboten und Maßnahmen (für die Integrationspädagogik: Schildmann 2004), (b) in disziplinärer Hinsicht die Deutung eines Entwicklungsmusters der Etablie- rung von Sozialer Arbeit als Wissenschaft und Pro- fession durch Prozesse der quantitativen Expansion, der funktionalen Erweiterung hin zu allgemeinen Bildungs- und Sozialisationsaufgaben und einer damit verbundenen sozialen Entgrenzung ihrer Klientel (Lüders /Winkler 1992; kritisch: Seel- meyer 2008a) und (c) in funktionaler Hinsicht die Bearbeitung von Abweichungen im Spannungsver- hältnis von Individuum und Gesellschaft. Letzterer funktionaler Begriff von „Normalisierung“ liegt den folgenden Überlegungen zu Grunde. Normalität – Theorien und Begriffsgeschichte Während die Bezugnahme auf Normalität zunächst durch alltagsweltliche Vorstellungen geprägt war, fand in den vergangenen Jahren eine theoretische Aufarbeitung dieses in der Theorie Sozialer Arbeit mittlerweile als zentrale Kategorie verankerten Be- griffsfeldes statt. Ausgehend von einem begriffs- und theoriegeschichtlichen Zugang lassen sich ein weiter und ein enger Normalitätsbegriff unterscheiden (Link et al. 2003, 8). Der „ weite Normalitätsbegriff “ speist sich u.a. aus den Ideen des Symbolischen In- teraktionismus, der Ethnomethodologie, der Wis- senssoziologie sowie der Phänomenologie (zur phi- losophischen Grundlegung des Begriffs: Rolf 1999; Waldenfels 2008). Die Gemeinsamkeit der Zugänge liegt darin, dass Normalität nicht auf gesellschaftli- che Verhältnisse rekurriert. Mikrosoziologische Zu- gänge etwa erklären den Prozess der Herstellung von Normalität auf der Ebene von Interaktionen: Nor- malität ist dann das, was Individuen in ihren Inter- aktionen als normal behandeln. Sie bildet einen ge- meinsamen Orientierungshintergrund, der im Sinne konjunktiver Erfahrung (Mannheim) fraglos gege- ben ist. Die Konstitutionsmechanismen von Nor- malität unterscheiden sich dann nicht von Prozessen der Genese von Normativität oder Normen. Im Gegensatz dazu zeichnet sich der „enge Norma- litätsbegriff “ durch eine deutliche Abgrenzung zur Normativität aus (diskursgeschichtlich dazu: Link 1999, 190). Während im Normativen der Verbind- lichkeitscharakter einer sozialen, juristischen, ethi- schen oder moralischen Norm in den Vordergrund tritt (Lautmann 1969), der auf der Basis einer Wertsetzung legitimiert wird, orientiert sich der enge Normalitätsbegriff an statistischen Verteilun- gen und analysiert „Normalität“ auf einer struktu- rellen und funktionalen Ebene. Wurzeln dieses Normalitätsbegriffs liegen insbesondere im medizi- nisch-biologischen Diskurs des frühen 19. Jahr- hunderts: Gegen die dichotome Trennung von Ge- sundheit und Krankheit gerichtet wird die Vorstellung eines Kontinuums entwickelt, inner- halb dessen Normalität und Anormalität miteinan- der verbunden sind. Damit wird eine spezifisch moderne Sichtweise auf Normalität begründet (Foucault 2006; Link 1999, 203; Canguilhem 1974). In seinem Ursprung ist der Terminus „nor- mal“ eng verknüpft mit der Idee von „Normung“ und „Normierung“ im Sinne einer Standardisie- rung, die auf das Erreichen statistikbezogener Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art102, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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