Handbuch 5. Auflage
Normalität und Normalisierung 1125 Durchschnittlichkeit zielt. Ein solcher um Nor- mierung kreisender Diskurs entfaltete sich in ver- schiedenen Feldern, wie demMilitär, dem Gesund- heitswesen oder dem Schulwesen ab Mitte des 18. Jahrhunderts (Sohn /Mehrtens 1999). Normalität in diesem engeren Sinne bezieht sich auf beobachtbare Durchschnitte und Normalver- teilungen in einer als Referenzgruppe dienenden (Teil-)Bevölkerung und setzt ein allgemein zugäng- liches Wissen über die Ausprägungen und Vertei- lungen jeweiliger Merkmale und Handlungsweisen voraus. Entsprechend wird sie erst mit Erreichen eines bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungs- stands möglich. Nach Link (1999, 75 ff.) lassen sich zwei polare, aber nicht voneinander trennbare Strategien eines solchen „Normalismus“ analytisch unterscheiden: eine „ protonormalistische “, die in der Koppelung mit normativen Vorstellungen ver- gleichsweise rigide und dauerhafte Grenzziehungen des „Normalen“ vornimmt (starre und enge Nor- malitätszone) und eine „ flexibel-normalistische “, die die Normalitätsgrenzen möglichst weit zieht, sich dynamisch entwickeln lässt und zu den Rändern hin keine scharfen Konturen aufweist (dynamische und maximal expandierte Normalitätszone). Nor- malität kennzeichnet hier einen spezifischen (Selbst-)Regulationsmechanismus moderner Ge- sellschaften. Zum Verhältnis von Normalität und Normativität in Theorien Sozialer Arbeit In den frühen Theorieentwürfen zur Sozialen Ar- beit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fin- det sich noch kein Verweis auf einen solchen Nor- malitätsbegriff. Vielmehr bildet hier die affirmative Bezugnahme auf tradierte Normen und damit ein explizit (und oft ausschließlich) normativer Be- gründungszusammenhang die Grundlage für die Bestimmung Sozialer Arbeit. Diese erfolgt im Falle der geisteswissenschaftlichen Tradition „vermittels einer hermeneutischen Explikation des gelebten Ethos der kulturellen Bezugsgemeinschaft“, im Falle der Caritas- und Diakoniewissenschaften „auf der Basis einer dogmatisch fundierten christlichen Ethik“ oder im Falle der Fürsorgetheorie Scherpners über einen gesellschaftspolitisch aufgeladenen Ge- meinschaftsbegriff (Oelkers et al. 2008, 235). Mit der sozialwissenschaftlichen Wende wurde solchen normativen Erklärungs- und Begründungs- mustern für wissenschaftliche Theorien die Legiti- mation entzogen. Besonders vehement kritisieren Autoren in der Tradition von kritischer Theorie und (neo-)marxistischen Ansätzen die normativen Fundierungen Sozialer Arbeit in ihrer Funktionali- tät für Herrschaft und Kapitalismus. Implizit argu- mentieren sie dabei aber ebenfalls normativ: Selbst- bestimmung und Emanzipation des Individuums treten hier an die Stelle der traditionellen Werte. Gleichzeitig erfolgt eine erste – eher impli- zite – Thematisierung von Normalität mit der Fo- kussierung auf „Abweichung“ als antonymen Pol – etwa in der Bezugnahme auf soziologische Theorien abweichenden Verhaltens ( → Böhnisch, Abweichendes Verhalten), Theorien sozialer Kon- trolle ( → Flösser /Wohlgemuth, Soziale Kontrolle) oder den „Labeling Approach“. Wesentlich war dabei die Betonung des disziplinierenden und kon- trollierenden Gehaltes Sozialer Arbeit im Sinne ei- ner herrschaftsförmigen Anpassung des Individu- ums an gesellschaftlich vorgegebene Normen und Normalitätsvorstellungen. Erst seit den 1980er Jahren rekurrieren Theoriebeiträge zunehmend auch explizit auf das Konzept der Normalität als – zum Teil zentralen – Bezugspunkt für eine funktionale Bestimmung Sozialer Arbeit. Aber nicht Normalität als solche, sondern nur bestimmte Normalitäten werden hier zu Grunde gelegt – in der Regel ohne die Begründungszusammenhänge für eine solche Auswahl zu reflektieren. Durch diese Selektivität erfährt die Bezugnahme auf Nor- malität hier eine normative Aufladung, die nicht expliziert, sondern vielmehr verschleiert wird. Normalisierung im Kontext struktur-funktionaler Zugänge Erstmals begrifflich ins Zentrum gestellt wird Nor- malität in der Bestimmung von Sozialer Arbeit als „Normalisierungsarbeit“ (Olk 1986), verstanden als Dienstleistungshandeln, dem eine „form- beschützende“ Teilfunktion zugeschrieben wird, die sich auf basale Bestandteile eines sozialen Sys- tems bezieht. Diese auf die Absicherung von Nor- malität zielende Schutzfunktion lasse sich – so Offe (1987) – nur als Vermittlungsleistung zwischen individuellem Fall und allgemeiner Norm realisie-
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