Handbuch 5. Auflage
Öffentlichkeit(en) 1137 sind – wie die Soziale Arbeit – zu einer zentralen Aufgabe wird. Zugleich ist die Öffentlichkeit der Ort, an dem immer schon definiert wird, was die Soziale Arbeit zu tun hat und was ihr zusteht. Als Institution des Sozialen ist ihr deshalb der Be- griff der Öffentlichkeit als einer gesellschaftstheo- retischen Kategorie so bedeutsam, weil sie erwartet, dass auf einer allgemeinen Ebene einer lebenswelt- lichen kommunikativen Vernunft demokratische Geltungsansprüche geklärt werden um Teilhabe. Davon erwartet sie Förderung. Als Institution der Systemintegration wird der Sozialen Arbeit und ihren Klienten in derselben Öffentlichkeit ihre Aufgabe vordefiniert, und im Konfliktfall wird ihr Systemversagen – sei es, Pro- blemfälle zu verhindern, sei es, sie zu beseitigen – thematisiert. Im Bewusstsein dieses Widerspruchs kann sich professionelle Öffentlichkeitsarbeit ent- falten. Sie wird Teil eines umfassenden Prozesses der „Medialisierung“, der als Anpassung aller Teil- systeme an die Funktionslogik und die Erfolgs- bedingungen der Massenmedien verstanden wer- den kann. Nur wenn die Soziale Arbeit dabei aber den Eigensinn des Sozialpädagogischen behaup- ten kann, geht sie in der Medialisierung nicht auf. Schließlich legt die Reflexion über die Grenze von Öffentlichem und Privatem eine kommunikative Grundproblematik der Sozialen Arbeit offen: Sie ist eine übergriffige Disziplin. In der „Anstalt“, im Heim, aber auch in der Sozialpädagogischen Fami- lienhilfe und in der Tagesgruppe schafft sie eine quasi öffentliche Privatheit der geschützten Kom- munikation und eine quasi private Öffentlichkeit der staatlich jederzeit kontrollierbaren Beziehungs- arbeit. Während das Setting der Beratung und der Pflegefamilie relativ geschlossen bleibt, so ist es doch Tätigkeit in öffentlicher Verantwortung – im doppelten Wortsinn: veröffentlichbar und im Rah- men der Öffentlichen Ordnung. Die „kleinen“ Öffentlichkeiten jedoch sind gegen Zugriffe nicht prinzipiell geschützt. Doch ist das Dilemma nur die eine Seite; die andere Seite bringt die Chance, zu öffentlichem Leben zu erziehen, zum Aus- druck. Literatur Beck, K. (2007): Kommunikationswissenschaft. UVK, Kon- stanz Bonfadelli, H., Jarren, O. (2001): Publizistik- und Kom- munikationswissenschaft – ein transdisziplinäres Fach. In: Bonfadelli, H., Jarren, O. (Hrsg.): Einführung in die Pu- blizistikwissenschaft. Haupt, Bern / Stuttgart /Wien, 3–14 Cremer-Schäfer, H. (2000): Sie klauen, schlagen, rauben. Wie in Massenmedien „Kinderkriminalität“ zu einer Be- drohung gemacht wird und wer weshalb und mit welchen Folgen daran mitarbeitet. In: Barz, H. (Hrsg.): Pädago- gische Dramatisierungsgewinne. Jugendgewalt, Analpha- betismus, Sektengefahr. Johann-Wolfgang-Goethe-Uni- versität, Frankfurt/M., 81–108 GEP – Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik e.V. (2004): Öffentlichkeitsarbeit für Non-Profit-Organisatio- nen. Gabler, Wiesbaden Gerhards, J., Neidhardt, F. (1991): Öffentlichkeit. In: Mül- ler-Doohm, S., Neumann-Braun, K. (Hrsg.): Öffentlich- keit, Kultur, Massenkommunikation. Beiträge zur Me- dien- und Kommunikationssoziologie. BIS, Oldenburg, 31–89 Habermas, J. (1995): Theorie des kommunikativen Han- delns. Suhrkamp, Frankfurt/M. – (1962/1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Suhr- kamp, Frankfurt/M. Hamburger, F. (2005): Soziale Arbeit und Öffentlichkeit. In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. 2.Aufl. VS Verlag, Wiesbaden, 761–784 –, Otto, H.-U. (1999): Sozialpädagogik und Öffentlichkeit. Juventa, Weinheim/München Hoppensack, C. (2008): Kevins Tod – Ein Fallbeispiel für missratene Kindeswohlsicherung. In: Institut für Sozialar- beit und Sozialpädagogik e.V. (Hrsg.): Vernachlässigte Kinder besser schützen. Ernst Reinhardt, München/Basel, 129–149 Kade, J., Nolda, S. (2002): Erziehungswissenschaft im Dis- kurs medialer Öffentlichkeiten. In: Otto, H.-U., Rau- schenbach, T., Vogel, P. (Hrsg.): Erziehungswissenschaft: Politik und Gesellschaft. Leske&Budrich, Opladen, 29– 42 Kunczik, M., Bleh, W., Maritzen, S. (1993): Audiovisuelle Gewalt und ihre Auswirkungen auf Kinder und Jugendli- che. Medienpsychologie 5, 3–19 Leonhard, J.-F., Ludwig, H.-W., Schwarze, D., Strabner, E. (1999): Medienwissenschaft. Gruyter, Berlin/New York Lindner, W. (2004): Jugendarbeit Goes Trash-TV. Deutsche Jugend 6, Jg. 52, 251–261 Luhmann, N. (1988): Soziale Systeme. Suhrkamp, Frank- furt/M. Lüttecke, H. (2004): Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Krankenhaus. Kohlhammer, Stuttgart
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