Handbuch 5. Auflage
1136 Hamburger Ermöglichung von Öffentlichkeit Wie das Kaninchen auf die Schlange starren sozial- pädagogische Öffentlichkeitsreflexionen vielfach auf die „große“ Öffentlichkeit der Massenmedien. Der Zugang zu ihnen erscheint, gerade auch in den Konzepten für Kampagnen, verlockend und at- traktiv, ist es doch ein Zugang zur Macht. Doch schon die bürgerliche Öffentlichkeit der au- tonomen Bürger, die räsonierend der Staatsmacht entgegentraten, wurde durch kleine und exklusive Gruppen realisiert. Erst die Massenmedien schufen jene umfassende Öffentlichkeit, an der alle – pas- siv – teilnehmen konnten. Dieser Strukturwandel (zur Kritik an Habermas: Pöttker 2001; Beck 2007, 98 ff.) zwang zur Revision des Modells einer ein- zigen bestimmten Ebene von Öffentlichkeit und zur Differenzierung in Encounter-, Themen- und Medienöffentlichkeit (Beck 2007, 106). Mit dieser Differenzierung werden auch für die Soziale Arbeit Anschlussmöglichkeiten zu Teilöffentlichkeiten sichtbar, in denen sie Voraussetzungs- und Kom- mentierungsverhältnisse (Kade /Nolda 2002) her- stellen kann. Damit ist der Umstand gemeint, dass pädagogisches Handeln generell auf die Ermögli- chung von Bildung als die Fähigkeit zum Vernunft- gebrauch in jeder Form von Öffentlichkeit abzielt, wobei die Öffentlichkeiten gleichzeitig dieses päd- agogische Handeln ermöglichen und begrenzen. Ebenso wird der Austausch zwischen den Sozial- räumen der Sozialen Arbeit und den Öffentlich- keiten als Wechselverhältnis verstanden, in dem sowohl Öffentlichkeitsarbeit als Selbstbehauptung des Sozialen und Öffentlichkeit als Kritik der Pra- xis der sozialen Arbeit sich aufeinander beziehen. Auch in Bezug auf Öffentlichkeit als einer be- stimmten Form des Sozialen ist Sozialpädagogik mit den Bildungsvoraussetzungen der Öffentlich- keit und den öffentlichen Bedingungen der Bil- dung – um die Formel von Paul Natorp zu variie- ren – befasst (Winkler 1999a; 2006, 25 ff.). Dieses Wechselverhältnis wird angesichts des Um- stands einer „durchgreifende[n] Pädagogisierung der massenmedialen Kommunikation“ (Kade / Nolda 2002, 40) besonders brisant. Denn die Nut- zer der Sozialen Arbeit finden im Fernsehen immer schon hinreichend viele pädagogische Formate für alle ihre Lebensfragen, sei es in den halbfiktionalen Lebensberatungs-, Erziehungsberatungs-, Schuld nerberatungssendungen oder in den nachmittägli- chen Unterhaltungsprogrammen zur Lebensfüh- rung oder in Dokumentationen, die das Abscheuli- che und das Erstrebenswerte, den „maßlos fordernden“ und den bescheidenen Armen bei- spielsweise technisch perfekt vorführen. Der Sozialarbeiter und die Sozialpädagogin werden in ihrer kommunikativen Praxis nicht nur mit den Lerneffekten dieser Sendungen bei ihren Klienten konfrontiert, sie werden auch an den idealisierten Gestalten der medialen Sozialarbeit gemessen. Ihr eigenes Handlungsmodell gerät in die Krise, kön- nen sie sich doch nicht an den medialen Effekten orientieren. Versuchen sie nämlich, der medialen Präsentation nur ihre „Fachlichkeit“ entgegen- zuhalten (Lindner 2004), dann begeben sie sich in eine Anspruchsspirale der „Eigentlichkeit der rich- tigen Sozialarbeit“. Ihr Handeln wird in jedem Fall um eine Reflexi- onsschleife als Auseinandersetzung mit den me- dialen Modellen erweitert und spielt sich in der konkreten Situation als auch in der medial kon- struierten Wirklichkeit gleichzeitig ab. Damit leis- ten sie zugleich einen Beitrag zum Lernen ihrer Klienten, sich selbst in ihrer je konkreten öffent- lichen Konstellation verhalten zu können. Eine Besonderheit des Edutainment ist die Ver- wischung der Unterscheidung privat / öffentlich. Die Soaps brauchen das scheinbar Private, um ei- nen Pranger errichten zu können; dem Zuschauer soll ein Einblick in verborgene Welten geboten werden. Dem Medienkonsumenten wird die Ent- strukturierung der Lebenswelt als Modell angebo- ten und damit das Ende der Autonomie verkündet. Denn selbst als Fiktion ist Privatheit Bedingung für deren Möglichkeit. Zusammenfassung Dem Kampf um Anerkennung geht der Kampf um Aufmerksamkeit voraus. In einer durch Kommuni- kation konstituierten Gesellschaft ist Öffentlich- keit die Produktionsebene des Sozialen geworden. Nicht eine materielle oder soziale Realität wird in den Medien ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, sondern die Öffentlichkeit konstruiert, was als real gelten soll. Die normative Kraft der Konstruktion ist so bedeutsam, dass die Suche nach öffentlicher Aufmerksamkeit vor allem für die Funktionsberei- che, die von öffentlicher Alimentierung abhängig
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