Handbuch 5. Auflage

Pädagogische Alternativen 1159 die Gewährung entsprechenden Vertrauenskredits angesichts hohen Kontingenzbewusstseins prekär. Zweitens kann die Rede von pädagogischen Alter- nativen außer Acht geraten lassen, dass Erziehung und Bildung kaum in „Reinform“ auftreten. Sie sind politisch gehaltvoll und kulturell, gesellschaft- lich und / oder ökonomisch geprägt. An die Stelle scheinbar klarer Alternativen der Steuerung sozialer Prozesse treten damit Mischungsverhältnisse, wie sie die neuere Governance-Diskussion betont (Benz 2004; Benz et al. 2007). Pädagogische Arrange- ments können nicht ohne Weiteres als eigenstän- dige Praxis- und Wissensformen abgegrenzt wer- den, sondern sie besitzen unklare Konturen, die derzeit noch weiter zu diffundieren scheinen (Heise 2002; differenzierend Seelmeyer 2008). Vor diesem Hintergrund können Projektionen von Alternati- ven anschlussfähig sein, da sie klare Orientierungs­ möglichkeiten vorgeben, wo diese faktisch illusio- när sind. Sie folgen einer „Dualitätsmetaphysik“ (Ballauff / Schaller 1973, 38), die attraktiv sein kann, aber der Komplexität des durch Erziehung adressierten sozialen Lebens und subjektiven Be- wusstseins vermag dies kaum gerecht zu werden. Alternativkonstruktionen machen es sich deshalb teilweise zu leicht, wenn sie dichotome Wahrneh- mungsraster vorschreiben (ganzheitliche Erziehung oder Unterrichtung, Erziehung oder Strafe, Kultur oder Zivilisation, Gemeinschaft oder Singularisie- rung, Autonomie oder Fremdbestimmung usw.). Es wäre der Realität angemessener, zu erkennen, dass Erziehung sich eines Kontroll- und Strafcha- rakters nie gänzlich entziehen kann, dass auch ge- meinschaftlich und ganzheitlich angelegte Erzie- hungsprogramme mit sozialem Ausschluss und Selektionen verbunden sind und Autonomie stets von heteronomen Zugriffen durchsetzt ist. Pädago- gische Reflexion muss demnach hinter die Logik der Konstitution von oppositionalen Denkmustern mit ihrer Funktion der Platzanweisung legitimen Denkens gelangen (Balzer 2004; Masschelein 2003). Sie muss davon ausgehen, dass sich Alterna- tivprojektionen ihre eigene Realität schaffen, die sie handlungsgerecht einteilen, um sich als „pro- gressive“ Option zu empfehlen (Biesta 2004, 38 ff.). Letztlich ist nur dann in fundierter Weise von päd- agogischen Alternativen zu sprechen, wenn diese Implikationen und die faktische Komplexität psy- chosozialer Lebensverhältnisse Berücksichtigung finden. Literatur Ballauff, T., Schaller, K. (1973): Pädagogik. Eine Geschichte der Bildung und Erziehung. Band 3: 19./20. Jahrhundert. Alber, Freiburg/München Balzer, N. (2004): Von den Schwierigkeiten, nicht opposi- tional zu denken. Linien der Foucault-Rezeption in der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft. In: Ricken, N., Rieger-Ladich, M. (Hrsg.): Michel Foucault: Pädago- gische Lektüren. VS Verlag, Wiesbaden, 15–35 Becker, H.S. (1981): Außenseiter. Zur Soziologie abwei­ chenden Verhaltens. Fischer Taschenbuch Verlag, Frank- furt/M. Benner, D., Kemper, H. (2001–2004): Theorie und Ge- schichte der Reformpädagogik. 3 Teile. Beltz, Weinheim/ Basel Benz, A. (2004): Governance – Regieren in komplexen Re- gelsystemen. VS Verlag, Wiesbaden –, Lütz, S., Schimank, U., Simonis, G. (Hrsg.) (2007): Hand- buch Governance. VS Verlag, Wiesbaden Bergmann, J., Luckmann, T. (Hrsg.) (1999): Kommunikative Konstruktion von Moral. Band 1: Struktur und Dynamik moralischer Kommunikation. Westdt. Verlag, Opladen Beutel, S.-I. (2005): Reformschulen als Ganztagsschulen. In: Sachverständigenkommission Zwölfter Kinder- und Ju- gendbericht (Hrsg.): Kooperationen zwischen Jugendhilfe und Schule. Band 4. Verlag Dt. Jugendinstitut, München, 101–167 Biesta, G. (2004): Education after Deconstruction. In: Mar- shall, J.D. (Hrsg.): Poststructuralism, Philosophy, Peda- gogy. Kluwer Academic Publ., Dordrecht/Norwell, 27– 42 Bitzan, M. (2008): Wem nützt die Kooperation von Jugend- arbeit und Schule? In: Henschel, A., Krüger, R., Schmitt, C., Stange, W. (Hrsg.), 491–506 Böhnisch, L., Schröer, W., Thiersch, H. (2005): Sozialpäda- gogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Ju- venta, Weinheim/München Bondy, C. (1925): Pädagogische Probleme im Jugend-Straf- vollzug. Bensheimer, Mannheim Bröcher, J. (2005): „Ab in den Trainingsraum!“ Zur Kritik der „neuen“ Disziplinierungspädagogik. Päd Forum 3, Jg. 24, 139–145 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend (BMFSFJ) (2005): Zwölfter Kinder- und Jugendbe- richt. Stellungnahme der Bundesregierung und Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leis- tungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. BMFSFJ, Berlin

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