Handbuch 5. Auflage
1162 Pädagogischer Bezug Von Christian Niemeyer Der Pädagogische Bezug ist von Herman Nohl (1879–1960) in der Weimarer Epoche ins Zen- trum der Debatte gerückt worden. Zur Vor- geschichte gehört Nohls Dissertation und die hier gewürdigte dialogisch angelegte sokratische Me- thode (Miller 2002, 49 ff.). Der Sache nach darf der Pädagogische Bezug als wohl wichtigster Beleg für die Zurechenbarkeit Nohls zur Reformpädago- gik gelesen werden. Als zentraler Referenztext für dieses so zu verortende, von Nohl auch im privaten Umgang gepflegte (Klika 2000), theoretisch aber fraglos nur schwach durchgearbeitete Konzept (Miller 2002, 302 ff.), das in Analogie zum zeit- gleich (im August 1925) vorgetragenen „dialogi- schen“ (erzieherischen) Verhältnis Martin Bubers (1878–1965) zu sehen ist (vgl. etwa Klafki 1964), gilt ein im Juni 1926 gehaltener (erstmals 1927 ge- druckter) Vortrag Nohls, der eine im September 1924 angedeutete und im März 1926 weiter ent- wickelte Thematik auf den Punkt bringt. 1924 ging es Nohl, in Gegenstellung zu der in der kon- fessionellen Fürsorgeerziehung um sich greifenden Tendenz zur Ausgrenzung erziehungsschwieriger „Psychopathen“ (Niemeyer 2010, 161 f.), um eine neue, durch Freud wie Adler belehrte Verwahr- losungstheorie und deren „andere Faktoren“ (als „Milieu und Anlage“): „das Erlebnis, die Situation […] und den pädagogischen Bezug.“ (Nohl 1924, 102) Mit dem letztgenannten, damals noch unge- wöhnlichen Ausdruck wollte Nohl im Bewusstsein seiner Hörer jene große „Umdrehung“ vorantrei- ben, „die auch in der Psychologie und Psychiatrie von der rein naturwissenschaftlichen Einstellung zu der neuen ,verstehenden‘ Betrachtungsweise geführt hat“ (Nohl 1924, 103), und dies in der Ab- sicht, Verwahrlosung als Niederschlag eines un- zulänglich gestalteten Pädagogischen Bezuges zu deuten (auch Göppel 1989, 256 f.). Von hier aus wird die Pointe des Vortrags verständlich. Nohl sprach sich nämlich, unter Berufung auf die dies- bezügliche Kritik an der (konfessionellen) Gefäng- nispädagogik durch Curt Bondy (1925, 52 f.), ge- gen die Orientierung an „äußere[r] Regel, Disziplin, Ordnung und Schema“ (Nohl 1924, 110) aus. Und er forderte seine Hörer (zumeist Praktiker aus der konfessionellen Fürsorgeerziehungspraxis) dazu auf, mit Hilfe der „personalen Bindung – dieser Übertragung im Sinne der Psychoanalytiker – zu den überpersönlichen Werten zu führen“ (Nohl 1924, 111). Im März 1926 ließ Nohl dem ein ge- radezu leidenschaftliches Plädoyer für „leiden- schaftsloses Verstehen“ folgen, das „nur im Verkehr mit dem einzelnen Kinde [erwächst], in einer im- mer erneuten persönlichen Empirie“ (Nohl 1926a, 56 f.). Und im Juni 1926, in jenem Referenztext, zielte Nohl schließlich, nun gleichsam zum dritten Mal „unter Berücksichtigung der Erfahrungen von Freud und Adler“, darauf, „das letzte Geheimnis der pädagogischen Arbeit“ zu begründen: eben „de[n] richtige[n] pädagogische[n] Bezug “, die durch „Liebe und Haltung auf der einen Seite, Vertrauen, Achtung und ein Gefühl eigener Bedürftigkeit […] auf der anderen“ erzeugbare „ Bindung des Zöglings an den Erzieher“ (Nohl 1926b, 74). Damit aber nicht genug: Einige Jahre später (1933) definierte Nohl, nun stärker auf den Bildungs- aspekt eingehend, den Pädagogischen Bezug als das „leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um sei- ner selbst willen, daß er zu seinem Leben und sei- ner Form komme“ (Nohl 1949b, 134). In diesem Sinne ist der Pädagogische Bezug für Nohl „Grund- lage der [lies: aller; d. Verf.] Erziehung“ (Nohl 1949b, 134; 1948, 282), die insoweit auch bspw. für die Schulpädagogik Bedeutung hat und dem Lehrer eine wahre („hebende“) pädagogische Liebe abnötigt, also etwa seinen Beitrag zu einer „wirk- liche[n] Gemeinschaft, wo dem Gefühl der einen Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art106, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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