Handbuch 5. Auflage

1188 Gröning · Lietzau  Abstammungsbeziehung ist, sondern vorwiegend vom Geschlecht. Empirisch heißt das: Es pflegen wesentlich mehr Schwiegertöchter als -söhne. In- sofern heißt Reflexion der Familiendynamik vor allem Reflexion der Rolle der Frau am biografi- schen Ort der Lebensmitte im Rahmen der Pflege der alten Generation. In den letzten Jahren ist der Anteil der Männer, die pflegen, zum einen durch die zunehmende Bedeu- tung der Ehepartnerpflege, zum anderen durch die Pluralisierung der Lebensformen angestiegen, und liegt heute bei ca. 25%. Studien zu männlichen Pflegepersonen heben das Problem der Vereinbar- keit von Pflege und Beruf besonders hervor, da Männer sowohl biografisch wie auch täglich die Verpflichtungen der Pflege mit dem Beruf kom- binieren müssen und im Falle eines Antagonismus von Pflege und Beruf dem Beruf deutlicher den Vorzug geben. Diese Studien verweisen auf die Notwendigkeit einer größeren Geschlechtersensi- bilität bei der Beratung und Gestaltung häuslicher Pflegearrangements; vor allem muss das in den Köpfen der Helfer vorherrschende Bild der tradi- tionellen Familienkultur einer Differenzierung und Individualisierung Platz machen. Die aufscheinenden Projektionen auf die Familie haben nicht nur die Familien selbst ideologisch verzerrt und polarisiert wiedergegeben, sie haben auch die Belastungen durch die häusliche Pflege verzerrt und so die Entwicklung von Hilfeangebo- ten erschwert. Noch immer erscheint die Familie entweder als opferbereit, traditionell und sperrig gegenüber den öffentlich angebotenen Hilfen, oder sie erscheint als von Emanzipationswünschen der Frauen und entsprechenden Delegationen und Entpflichtungen dominiert oder auch als miss- brauchend und vernachlässigend. Dabei herrschen die Vorstellungen, dass die Opferbereiten keine Hilfe annehmen wollen, die Delegierenden die Verantwortung auf Personen des grauen Pflege- marktes abwälzen und die Vernachlässigenden keine Versorgungskapazitäten haben und das Geld für sich verbrauchen, vor. Blenkner (1965) hat den wichtigen Begriff der fi- lialen Reife ( Filial Maturity ) geprägt. Töchter und Söhne zwischen 40 und 50 Jahren erlebten eine be- sondere Krise, weil die Kräfte der Eltern nachlassen und diese mehr und mehr auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen seien. Auf die filiale Krise folgt die Phase der filialen Reife, während der sich die Kinder um die alten Eltern kümmerten und gleichzeitig auf das eigene Alter vorbereiteten. Blenkner hat das Altwerden der Eltern auch als eine Entwicklungsaufgabe beider Generationen beschrieben – die Generation, die alt wird und ihre Abhängigkeit von ihren Kindern akzeptieren ler- nen muss, und die Generation der Kinder, die sich mit der Verantwortung für die alten Eltern als Teil des eigenen Lebens auseinandersetzen muss. Schütze und Lang (1992) folgern aus der Normali- sierung der „Verantwortung für die alten Eltern“, dass sich in der Zivilgesellschaft eine Art Kultur der familialen Altenfürsorge als moderne Kultur, also zunehmend in relativer Unabhängigkeit vom Erbe entwickeln wird. Die These ist, dass sich diese Kul- tur auch bei getrennten Wohnungen „multilokal“ entwickelt. Lange wurde aus der Tatsache der ge- trennten Haushalte abgeleitet, dass die Familie zerfallen würde. Seit 2000 ist nach Untersuchun- gen über die vielfältigen Unterstützungskreisläufe in Familien auch bei getrennten Haushalten von einer multilokalen Großfamilie die Rede. Damit hat die Rede vom Zerfall der Familie, dem Ende der Solidarität und dem Zusammenbrechen der familialen Altenfürsorge in der Moderne kräftige Gegenargumente bekommen. Die Haltung der filialen Reife lässt sich in die Le- bensphase der Verantwortung für die alten Eltern übersetzen. Wenn sich die Phase der Verantwor- tung nicht als Wiederholung einer früheren kindli- chen Abhängigkeit institutionalisieren soll, dann gehört zur filialen Reife ein komplexer Lernpro- zess: zum Beispiel die Auseinandersetzung mit dem psychischen Erbe der Eltern (Gröning et al. 2003), Respekt vor den Lebensentscheidungen sowohl der Eltern wie auch der Kinder und die Kultivierung von Grenzen im Generationenverhältnis. Die Für- sorge für die alten Eltern ist vor allem in Einklang zu bringen mit der Selbstsorge. Dass die Fürsorge für die alten Eltern nicht der Tradition und Ab- stammungslinie anheim gegeben wird, macht eine neue ethische Buchstabierung der häuslichen Pflege nötig. Im Mittelpunkt eines modernen Pflegeent- wurfs steht die Idee der Gerechtigkeit sich selbst gegenüber sowie zwischen den Geschlechtern und Generationen. Es gibt in modernen Gesellschaften keine „heilige Schuld“, es gibt aber sehr wohl die Fürsorge für die alten Eltern als Tugend – als filiale Reife.

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