Handbuch 5. Auflage

Pflege 1187 familialen Altenfürsorge innerhalb wie außerhalb der Familien, die innerfamiliale Gerechtigkeit, die Alltagskontexte und das Problem der mangelnden Aushandlung in Familien unberührt. Allerdings steht diese Forschung in einem Zusammenhang zu einem dritten Diskurs, der zunehmend bedeu- tend wird: dem therapeutischen Diskurs. Da Stress und Belastung auch in der häuslichen Pflege nicht als objektiv, sondern subjektiv gebrochen gelten, werden Forschungen zum persönlichen Verhältnis, zum Charakter der Beziehung zu den alten Eltern und zur Frage von Ablösung aus dem Elternhaus bearbeitet. Insbesondere wird an- genommen, dass das Belastungserleben von frü- hen, nicht aufgelösten Bindungen zwischen Pfle- geperson und Pflegebedürftigem herrührt. Diese Tendenz, Konflikte und Belastungen nun zu- nehmend in der inneren Realität der Pflegeper- sonen zu verorten, hat zu einer Beförderung des therapeutischen Blicks auf die familiale Pflege ge- führt und setzt die gestörte Beziehung zum theo- retischen Ausgangspunkt. Erkenntnisse der syste- mischen Familientherapie werden auf die familiale Altenfürsorge übertragen. So findet Fuchs (2000, 54) es hilfreich, die Ursachen für Konflikte in der häuslichen Pflege nicht „monokausal“ zu erklären. Die Familie sei vergleichbar mit einem Mobile: Wenn ein Teil des Systems sich verändere, gerate alles in Bewegung. Sodann werden alle Erkennt- nisse, Konzepte und Ansätze der systemischen Fa- milienforschung für die familiale Altenfürsorge übertragen: Rollenumkehr, Parentifizierung, Ko- alitionsbildung, Sündenbock, Ausstoßung etc. Mit den Begriffen der Rollenumkehr und der Parentifi- zierung werden zudem der Ausbeutungscharakter der Beziehung und die kindliche Abhängigkeit in den Vordergrund gerückt. Die Pflegebereitschaft basiere oft auf ungelösten kindlichen Abhängig- keitsbedürfnissen oder aus dem Wunsch, von den Eltern wenigsten im Alter akzeptiert zu werden (Geister 2002, 12). Familiale Pflege ist nicht, wie die Pflegeversiche- rung mit ihrem Grundsatz von der neuen Kultur des Helfens angenommen hat, ein familiales Soli- daritätsprojekt, sondern ein familiendynamischer Prozess der Polarisierung von Aufgaben und Rol- len, der innerfamilialen Isolation und zunehmen- den Alleinverantwortlichkeit der Pflegenden, des Anerkennungsdefizits auch innerhalb der Familie, der Sprachlosigkeit und Konflikthaftigkeit. Dieser Prozess vollzieht sich langsam und hängt auch da- mit zusammen, dass alte Angehörige, insbesondere Demente, so besitzergreifend und chaotisch sind, dass sie den pflegenden Angehörigen kaum Luft lassen und ständiger Beaufsichtigung bedürfen. Pflege als Prozess der Totalisierung ist immer ab- hängig von den jeweiligen psychischen Dispositio- nen der Familienmitglieder und den in der Familie herrschenden Denkweisen und Überzeugungen. Diese können offen / verdeckt, bewusst / unbe- wusst, latent /manifest sein. Das klassische und häufigste Pflegearrangement ist die alleinverant- wortliche Tochter, Ehefrau, Schwiegertochter etc. Pflege wird innerfamilial als etwas verstanden, was die Frauen angeht und auf die Frauen beschränkt ist. Diese Definition begünstigt Prozesse des Sprachverlustes in der Familie in der Weise, dass das Problem polarisiert erscheint: Pflege ja oder nein, entweder zu den Bedingungen des klassischen Arrangements oder Umzug ins Heim. Schwierig wird es, wenn die Polarisierung der Geschlechter- rollen und Aufgaben sich so entwickeln, dass die Familie quasi gespalten wird in einen Teil, der sein „modernes“ und d. h. heute sein individualisiertes, auf Selbstverwirklichung basierendes Leben führt, und einen Teil, der sich um die solidarischen Auf- gaben und mitmenschlichen ethischen Verpflich- tungen kümmert. In dem Maße, wie Pflege so an- gelegt und buchstabiert ist, wird sie aber umgekehrt ihre moralische Legitimation einbüßen. Minderjährige Kinder sind in den familialen Pfle- gearrangements in der Rolle der CopflegerInnen in einer Minderheit. Meist wird den Kindern in der Familie aber ein Anspruch auf Zuwendung und (mütterliche) Fürsorge zugesprochen, sodass Kin- der am häufigsten die Rolle der Rivalen des alten Menschen innehaben. Wenn durch die Pflege eines alten Menschen nicht alle ihre Rollen verändern, sondern nur von der Frau in der Familie erwartet wird, dass sie Pflege, Familie und gegebenenfalls noch Beruf vereinbaren kann, sind Belastungskri- sen unausweichlich. Geschwister treten in der Familiendynamik manch- mal als Unterstützer auf, manchmal gilt, wer erbt muss pflegen, das heißt, dass jene Familie, die im Haus der alten Eltern mit wohnt, die Pflege über- nimmt, und die Geschwister aus der Herkunfts- familie der pflegenden Familie dieser die Pflege allein überlassen. Wichtig ist aber, dass die Aus- wahl der Pflegeperson nicht abhängig von der

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