Handbuch 5. Auflage

1200 Herrmann  Ambivalenzen von Planung, die immer wieder zu neuenWeiterentwicklungsbemühungen Anlass ge- ben: Der großen Debatte um und Verbreitung von kommunikativen Planungsverfahren in den 1990er Jahren z.B. folgte ein starker Trend in Richtung Ver- waltungsmodernisierung und betriebswirtschaft­ liche Profilierung Sozialer Arbeit. Im Moment beschäftigen Fragen nach der Qualität und Wir- kungsorientierung die Jugendhilfeplanung. Auch hier zeigen sich wieder konkurrierende Positionen, die entweder das Qualitätsthema unter der Per- spektive einer Verbesserung von Reflexivität und Fachlichkeit angehen (z.B. Merchel 2004) oder eine Verbesserung von Steuerung in den Mittel- punkt stellen (z.B. das Modellprogramm „Wir- kungsorientierte Jugendhilfe“ des Bundesministe- rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend seit 2006). Eine ähnliche Polarität der Beiträge spiegelt im Moment auch die Debatte um eine „Evidenzba- sierte Soziale Arbeit“ wieder (z.B. Sommer- feld / Hüttemann 2007), die ebenfalls bereits die Jugendhilfeplanung beschäftigt. Planung zwischen Steuerungserwartungen von ■ ■ oben und Partizipationserfordernissen von unten: Auffällig ist, dass die meisten Forderungen und Beiträge aus Wissenschaft und Praxis der letzten Jahre vor allem auf neue wissenschaftliche bzw. steuerungstechnische Herausforderungen und eine Verbesserung der Wissensbasis von Planung zie- len. Herausforderungen im Hinblick auf die kom- munikative Dimension von Planung werden ange- sichts der Steuerungserwartungen aus Politik und öffentlicher Verwaltung und der meist knappen Personalausstattung vor Ort leicht vergessen. Ge- meint sind hier vor allem Fragen der Beteiligung von freien Trägern und AdressatInnen der Jugend- hilfe an der Planung. Es ist davon auszugehen, dass freie Träger  – auch aufgrund der klaren Vor- gaben in § 80 Abs. 3 SGB VIII – mittlerweile fast überall ausreichend an Planungsprozessen betei- ligt werden. Allerdings zeigen sich Probleme in der Praxis z.B. daran, „dass in beteiligungsorientierten Planungsgruppen sich sehr schnell eine konsens- orientierte Dynamik herausbildet, bei der der Kon- sens in einer Weise zum Zielpunkt wird, dass diver- gierende Auffassungen und Konflikte kaum angemessen bearbeitet werden“ (Merchel 2006, 200). Auch Kinder, Jugendliche und Eltern werden mittlerweile quantitativ stärker an Planungen be- teiligt. Nach der Untersuchung des DJI taten dies 74% der Jugendämter bei Kindern und Jugend- lichen, und 52% der Ämter bei Eltern (Pluto et al. 2007, 366 ff.). Über die qualitative Dimension die- ser Beteiligung ist aber wenig bekannt. Aus der wissenschaftlichen Diskussion und Beteiligungs- praxis weiß man, wie schwierig und vorausset- zungsvoll es ist, „gelingende Partizipation“ ins- besondere bei AdressatInnen von Planungen zu ermöglichen (z.B. Herrmann 1998; 2004). Gelin- gende Partizipation realisiert sich am ehesten in offenen, von den Beteiligten gestaltbaren Settings, die ihnen angemessene Artikulationsräume zur Verfügung stellten und „kollektive Lernprozesse“ ermöglichen: Im Rahmen eines gemeinsamen, (teilweise) ergebnisoffenen Prozesses müssen die Beteiligten neue Denkweisen, Fähigkeiten und Be- ziehungen erproben bzw. erlernen. Kollektives Ler- nen ist aber nur begrenzt planbar und steuerbar, manchmal konfliktreich und irritierend für die Be- teiligten und mit diesen Charakteristika nur schwer kompatibel mit den Zeit- und Ablaufslogiken in öffentlichen Verwaltungen und politischen Ent- scheidungsprozessen. Die wenigen Ergebnisse der DJI-Untersuchung zur qualitativen Dimension der AdressatInnenbeteiligung zeigen, dass hier in der weit überwiegenden Mehrzahl „geschlossene“ und selektive Beteiligungsformen benutzt wurden, die vor allem mit Verwaltungs- und Politiklogiken kompatibel sind, aber lebensweltlichen Erforder- nissen nur begrenzt entsprechen und kollektive Lernprozesse in der Regel nicht ermöglichen: Bei Kindern und Jugendlichen wurde überwiegend mit Umfragen bzw. Fragebogen gearbeitet, offenere, projektförmige Methoden nur in einem Drittel der Fälle eingesetzt (Pluto et al. 2007, 368). Eltern wurden vor allem bei Themen wie Kindertages- betreuung (64%) und der Gestaltung von Spiel- plätzen (40%) direkt beteiligt, bei Themen wie Familienbildung, Beratung, Gestaltung erzieheri- scher Hilfen lag die Beteiligung nur jeweils bei ca. 15% (Pluto et al. 2007, 370). Angesichts dieser strukturellen Spannungsfelder wird Planung in der Jugendhilfe vermutlich auch künftig eine anspruchsvolle Balancearbeit bleiben, die in mehrfacher Hinsicht mit einem „strukturier- ten Umgang mit Ungewissheit“ zu tun hat. Darin hat sie im Grunde viele Ähnlichkeiten mit dem professionellen Handeln in anderen Feldern der Sozialen Arbeit (vgl. die Ausführungen zur beruf-

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