Handbuch 5. Auflage
Planung und Planungstheorie 1199 liche Aspekte wie z.B. Veränderungen in den ge- setzlichen Aufträgen; geringere finanzielle Spielräume der öffentlichen Hand; Debatten um die Weiterentwicklung des Sozialstaates; Verände- rungen in den Lebensbedingungen der Menschen vor Ort). Neben diesem „instabilen Ort“ steckt im Instru- ment Planung – wie beschrieben – eine strukturelle Ambivalenz in ihrem Handlungsauftrag: die Auf- gabe einer Reduzierung der Ungewissheit von Zu- kunft bei gleichzeitig struktureller Begrenztheit dieser Aufgabe. Aus dieser Orts- und Auftragsbestimmung wird deutlich, dass Planung mit einer Reihe von struktu- rellen Widersprüchen, Spannungsfeldern und Kon- fliktpotenzialen konfrontiert ist, die je nach aktuel- len Entwicklungen im Zuständigkeitsgebiet oder dem größeren gesellschaftlichen Kontext immer wieder neue Ausprägungen erhalten und – als strukturelle Elemente – auch auf künftige Ent- wicklungsperspektiven verweisen. Einige dieser Spannungsfelder sollen zum Abschluss skizziert und an aktuellen Beispielen illustriert werden (auch Merchel 2006, 198 ff.): Planung zwischen fachlichen Erfordernissen und ■ ■ finanziellen Restriktionen: Durch ihren gesetzlichen Auftrag muss Planung sowohl die fachliche Quali- tät der Infrastruktur wie auch die finanziellen Ziel- setzungen der politisch Verantwortlichen im Blick halten. Ein Blick auf die Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte zeigt, wie PlanerInnen einerseits mit einer Fülle von Innovationsimpulsen in den Arbeitsfeldern der Jugendhilfe umgehen mussten (z.B. Flexibilisierung der Hilfen zur Erziehung; sozi- alraumorientierte Ausrichtung der Jugendhilfe; Ausbau und verstärkte Bildungsorientierung im Bereich der Kindertagesbetreuung; stärkere Ver- knüpfung der Angebote von Jugendhilfe und Schule). Auf der fiskalischen Seite war Planung im Gefolge von Verwaltungsmodernisierung verstärkt gefordert, durch eine betriebswirtschaftliche Pro- filierung und verbesserte Steuerungsinstrumente zu einer höheren Effizienz der Jugendhilfe bei- zutragen: Die Debatten um mehr Outputorientie- rung, um die Definition sozialer Dienstleistungen in Form von „Produkten“ im Kontext der sog. Neuen Steuerungsmodelle (z.B. KGSt 1994 und 1996), die zunehmende Verbreitung von Control- linginstrumenten oder die Einführung von Leis- tungs- und Entgeltvereinbarungen (§§ 78 a–g SGB VIII) gehören in diesen Zusammenhang. Planung zwischen sozialwissenschaftlicher Analyse, ■ ■ fachlicher Bewertung und politischem Prozess: Eine grundlegende Herausforderung in Planungspro- zessen besteht in der Kombination von Empirie, fachlicher Reflexion und Positionierung, Kommuni- kation sowie der Mitgestaltung eines politischen Prozesses. Hierbei müssen im Handeln ständig Ab- wägungen gemacht und Kompromisse gesucht werden zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit und praktischer Nützlichkeit, zwischen dem fach- lich Wünschenswertem und dem vor Ort Realisier- barem, zwischen Neutralität und inhaltlicher Posi- tionierung bzw. politischer Einmischung. Diese Balancearbeit ist anstrengend und beinhaltet im- mer wieder Risiken des Scheiterns. Aus diesem Grund wird in Theorie und Praxis regelmäßig ver- sucht, dieses Spannungsfeld mit neuen Konzepten oder Instrumenten zu entschärfen bzw. die Kom- plexität durch Ausklammerung bestimmter Anfor- derungen zu reduzieren: Hierzu gehören auf der wissenschaftlichen Ebene z.B. Forderungen und Methoden einer verbesserten Datengrundlage von Jugendhilfeplanung in Form erweiterter Sozialbe- richterstattung (einige der Beiträge in Maykus 2006; BMFSFJ 2002). Solche Instrumente können sicherlich die empirischen Grundlagen der Planung verbessern und Diskussionen vor Ort qualifizieren, jedoch besteht die Gefahr, „die Berichterstattung schon für das Eigentliche der Planung zu halten und mit dem Verweis auf Sozialberichte dem müh- samen Bewerten des Handelns von Trägern und Einrichtungen auszuweichen“ (Merchel 2006, 199). Derartigen Verzicht auf eine kritische fach liche Bewertung von Einrichtungen findet man nicht selten in der Planungspraxis, teilweise um den damit verbundenen Konflikten aus dem Weg zu gehen, teilweise aufgrund der gesetzlich zuge standenen Spielräume der freien Träger bei der Ausgestaltung ihrer Leistungen (§ 4 SGB VIII). Erwartungen an Planung zwischen Steuerungsopti- ■ ■ mismus und -skepsis: Die Geschichte der Planungs- modelle und -theorien zeigt kontinuierliche Kon- troversen zwischen zwei polaren Positionen (Steuerungsoptimisten und -skeptikern) um eine Deutungshoheit. Dass diese Kontroverse nicht dauerhaft von einer Seite entschieden werden kann, liegt an den beschriebenen strukturellen
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