Handbuch 5. Auflage
Politikberatung 1207 Fachreferaten und Fachverbänden sowie deren ver- bandsübergreifende Zusammenschlüsse (LIGA, BAGFW, DV etc.). Diese sind von der Politik ge- fragte Experten und verfügen über unmittelbaren Zugang zu politischen Entscheidungsträgern in den Verwaltungen, Ministerien und Parlamenten. Im Bereich praxisgestützter Politikberatung sind Politikberatung und Lobbying kaum voneinander zu trennen (Kleinfeld et al. 2007; Leif / Speth 2006; Lösche 2006). Dabei scheinen sie bei oberflächli- cher Betrachtung zunächst nicht zusammenzupas- sen. Wird Politikberatung im Allgemeinen mit neutraler, wissenschaftlicher Information und Auf- klärung assoziiert, so ist Lobbying eine „Chiffre für sämtliche Formen der direkten, informellen, überwiegend öffentlich nicht unmittelbar beobachtbaren Versuche von Vertretern gesellschaftlicher Interessen, auf die Akteure des politischen Entscheidungsprozesses ein- zuwirken, um kurz-, mittel- oder langfristig Politikergeb- nisse in ihrem Sinne zu verändern“ (Wehrmann 2007, 40). Die Verbände zielen vorrangig darauf ab, die eige- nen und advokatorisch vertretenen Interessen in den politischen Prozess einzubringen und die Ent- scheidungsfindung zu beeinflussen. Dieses Lobby- ing hat aber stets auch politikberatenden Charak- ter. Einerseits, weil durch Lobbyarbeit der Informationsbedarf der Politik hinsichtlich der Po- sitionen, Möglichkeiten und Probleme der Träger und Einrichtungen Sozialer Arbeit befriedigt wird und schwer organisierbare Klienteninteressen Ein- gang in den politischen Prozess finden. Ande rerseits, weil Lobbyarbeit, wenn sie unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen wie politischen Verhältnissen Erfolg haben will, immer auch als ra- tionale Politikberatung gestaltet werden muss. Das für eine Einflussnahme notwendige Beziehungsge- flecht und wechselseitige Vertrauen kann nur durch zuverlässige relevante Informationen zu Problemla- gen und Problemlösungen erzeugt werden. Insbe- sondere „schwache Interessen“ (Willems /Winter 2000) müssen in Ermangelung anderer Machtres- sourcen (Geld, Zwangsmittel wie z. B. Streik) auf die Überzeugungskraft wissenschaftlich gestützter empirischer wie normativer Argumentation bauen. Für ein erfolgreiches Soziallobbying geht es gerade nicht darum, „den Gesprächs- und Verhandlungs- partner zu überrumpeln oder ihn gar mit Geld oder anderen Vergünstigungen gefügig zu ma- chen“ – was den Sozialverbänden und Selbsthilfe- organisationen mangels Ressourcen ohnehin kaum möglich wäre –, „sondern es geht um Überzeugen, Argumentieren, Informieren, Kooperieren und Koordinieren, kurz: Es geht um solide, kompe- tente, inhaltsreiche Politikberatung“ (Lösche 2006, 339). Selbstverständlich gehören neben dem Über- zeugen auch das Verhandeln und die Ausübung von (öffentlichem) Druck zum (Sozial-)Lobbying. Aber generell sind „Informationen, Kompetenz, Expertise, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit (und) politische Erfahrung“ die wichtigsten Vorausset- zungen für ein erfolgreiches Lobbying. Politikbera- tung gehört mithin zum Leistungsspektrum sozia- ler Organisationen und ist unverzichtbarer Bestandteil ihrer advokatorischen Rolle. Die Fähig- keit zur Politikberatung ist wesentlicher Teil der Politikfähigkeit Sozialer Arbeit. Politikberatung als Element des Soziallobbying bezieht sich dabei auf alle Phasen des policy cycles – von der Problemformulierung über das Agenda Setting zur Politikformulierung sowie der Imple- mentierung von Politik bis zu ihrer Evaluierung. Sie berücksichtigt alle Ebenen von Politik, von der Kommune über die Landes- und Bundespolitik bis hin zur Europäischen Union (Rieger 2008). Schließlich sucht sich Politikberatung als Element des Soziallobbying ihre Adressaten dort, wo sie ihre größte Wirkung entfalten kann. Entscheidend ist, dass Daten und Erfahrungen systematisch gesam- melt und ausgewertet werden und darüber hinaus die entsprechenden Erkenntnisse in den Organisa- tionen (in Tagungen und über Arbeitsgemeinschaf- ten, Fachgruppen und Referate) weitergegeben und akkumuliert werden, damit sie dorthin gelan- gen, wo politische Einflussnahme gefragt und möglich ist. Daraus folgt dann aber auch, dass Einrichtungen, Verbände und Initiativen Sozialer Arbeit als politi- sche Akteure selbst Adressaten von Politikberatung (i. S. von political consulting ) sein könnten und sollten. Diese „Politikerberatung“ (Cassel 2004) als „political consulting“ zielt dann weniger auf den Politikinhalt ( policy ) als auf eine Beratung mit Blick auf Politikfähigkeit. Hier geht darum, wie im poli- tischen Prozess ( politics ) die eigenen Interessen wirksam durchzusetzen sind (Lobbying, Macht- analyse, Strategie-, Kampagnenplanung, Öffent- lichkeitsarbeit, soziale Aktionen, Hintergrund-
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