Handbuch 5. Auflage
1210 Politische Bildung Von Bernhard Claußen Begriff und Sachverhalt: Politische Bildung als Besonderheit herrschaftsbezogenen Lernens Lebenslange Sozialisation als kollektiv bedeutsame subjektive Verarbeitung widersprüchlicher Realität und realer Widersprüche in gesellschaftlichen Kontexten schließt politisches Lernen als Genese von Anpassung, Indifferenz, Resistenz und Auto- nomie gegenüber sozialen Zwängen, Machtver- hältnissen oder Freiheitsgraden im Gemeinwesen ein. Dieses trägt zur Konstituierung, Verfestigung und Veränderung der Persönlichkeit bei und er- streckt sich auf den Erwerb, die Differenzierung und den Transfer von Wissen, Affekten, Haltun- gen und Aktionsfähigkeiten zur intra- wie inter- personalen, innergesellschaftlichen und zwischen- staatlichen Herrschaftsausübung im Allgemeinen. Im Besonderen bezieht es sich auf die Verdichtung der Herrschaftsausübung in komplexen Ordnungs- systemen aus Normen, Institutionen, Verfahren und Vorgängen der interessengebunden-konflikthaften Regulation öffentlicher Angelegenheiten vor dem Hintergrund sozio-ökonomischer, historisch-kul- tureller und technisch-ökologischer Konstellatio- nen, Koordinaten und Herausforderungen. Vorfindlich seit Anbeginn menschlicher Sozial- gebilde, gewinnt politisches Lernen zunehmende Bedeutung mit der Entstehung, Differenzierung und Krisen- oder Aporienanfälligkeit moderner Staatswesen. Spätestens mit dem Aufkommen, der Konsolidierung, der Tradierung und den Wand- lungserfordernissen konstitutioneller Demokra- tien – in einer vielschichtigen Weltgesellschaft mit inner- und transnationalen Problemen bei der Ge- währleistung der Bedingungen für ein würdevolles (Über-)Leben – wird Politische Bildung als Faktor der Systemeffizienz und -veränderung unverzichtbar. Sie ist aufgrund ihrer Intentionalität mit Ausrich- tung der Kultivierung der staatsbürgerlichen Per- sönlichkeit auf Mündigkeit oder gar Emanzipation eine normativ-originäre Spezifikation politischen Lernens. In reflektierter Programmatik, nicht aber immer im gemeinhin geläufigen Begriffsgebrauch unterschieden von bloßer Information, Instruktion oder Verhaltensübung, v. a. im Gegensatz zu politi- scher Manipulation, Propaganda und Indoktrina- tion, impliziert Politische Bildung in praktischer Absicht eine intransitive Auseinandersetzung mit den zentralen Grund- und Zeitfragen des Politi- schen unter Einschluss geltender Systemmerkmale und ebenso denkbarer wie als nötig sich erweisen- der Modalitäten einer Systemtransformation. Poli- tische Bildung als Prozess und Veranstaltung be- zeichnet damit sowohl einen kritischen Habitus des reflexiven Menschseins, der aufgrund vorhandener individueller Dispositionen und Potenzen in Ei- genaktivität gewonnen wird, als auch einen dafür förderlichen sozialen Zusammenhang der Bereit- stellung, Organisation, Variation, Anerkennung, Geltendmachung und Prüfung entsprechend ge- eigneter Lernprozesse und Lernorte mit didaktisch- methodischen Hilfestellungen von Sachkundigen. Problemgenese und historische Modifikation basaler Aufgaben: Politische Bildung im gesellschaftlichen Wandel Im lebensweltlichen Alltag der Menschen dominie- ren, v. a. wegen der Nötigung zur materiellen wie ideellen Reproduktion und meist eher negativ-ent- mutigender Erfahrungen der Abhängigkeit von Herrschaft, seit jeher trivialisierte Sozialisations- muster , die den Eigentümlichkeiten Politischer Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art111, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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