Handbuch 5. Auflage

Politische Bildung 1211 Bildung nicht oder nur rudimentär genügen und darum vorwiegend zur Seite der mitläuferhaften oder apathischen Anpassung an Unzulänglichkeiten der Demokratie und der in ihrem Rahmen sowie der ihr in abträglicher Weise erfolgenden Steue- rungsvorgänge ausschlagen. Institutionalisierung Politischer Bildung als fachlich-sachliche und fä- cherübergreifend professionalisierte Besonderheit in schulischen und außerschulischen Einrichtun- gen mit staatlicher und privater Trägerschaft, als Element konventioneller wie unkonventioneller politischer Organisationen sowie als Aspekt oder Akzent der Sozialarbeit und des verzweigten Kul- turschaffens ist eine wesentliche Voraussetzung für die Kompensation von politikbezogenen Wissens- und Erlebnisdefiziten, für die Aufarbeitung der Unvollständigkeit oder Fragwürdigkeit individuel- ler Einstellungen und zwischenmenschlicher Dif- ferenzen in politischen (Streit-)Fragen sowie für eine Korrektur von Fehlurteilen, Beziehungsver- lusten, Stereotypien und Animositäten zur Politik mit ihren Aufgaben, Erscheinungen, Wesenseigen- schaften, Funktionen, Folgen und veränderungs- bedeutsamen Dynamiken auf kommunaler, regio- naler, nationaler und internationaler Ebene. Die fundamentalen Merkmale und Erfordernisse ei- ner in diesem Sinne unverwechselbar anspruchs- vollen Politischen Bildung wurden allerdings hier- zulande in den autoritär verfassten und verfahrenden staatsbürgerkundlichen Einrichtungen und Ver- anstaltungen zu Zeiten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik durch falsch verstandene Erzie- hung patriotisch-obrigkeitlicher oder formaldemo- kratisch bleibender Art unterlaufen und verfehlt . Noch mehr wurden sie im faschistischen NS-Erzie- hungsstaat durch eine omnipräsente nationalistisch- chauvinistische, rassistische und führerzentriert-ir- rationale Verführungs- und Dressurpädagogik ins totale Gegenteil verkehrt . Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist in den beiden deutschen Staaten trotz erheblicher Anstrengungen als Nachgang zu vor- dergründig gebliebener Reeducation im Geiste des Antifaschismus vollwertige Politische Bildung höchstens ansatzweise und zeitweilig etabliert wor- den, weil die ihr gewidmeten Anstrengungen in den Ost-West-Konflikt und die Systemkonkurrenz mit ihren militaristischen Auswüchsen verwickelt waren und entsprechend ideologisch aufgeladen wurden. Die wohlbegründete sozialistische Grund- orientierung in der DDR ist dabei letztlich in allen Entwicklungsphasen durch eine autoritäre Instru- mentalisierung für einen anti-westlichen und anti- kapitalistischen Fundamentalismus im Interesse der Staatsführung und Blockzugehörigkeit auf- gerieben worden, während die Ausrichtung in der BRD gekennzeichnet war durch Verengungen der bürgerlichen Demokratie und antikommunistische Idealisierungen der mehr unternehmerfreien als hinreichend sozialen Marktwirtschaft unter dem Primat eines ausufernden Kapitalismus. Insofern reproduzieren sich mit den Brechungen durch reale politisch-gesellschaftliche Kräftever- hältnisse in den zur Politischen Bildung oft mehr nur gerechneten als tatsächlich führenden offiziel- len Bemühungen zentrale Umstände welthistori- scher Aktualität ebenso wie nationaler Zeitgeist und dessen materielles Substrat, sind aber über- greifende objektive Bedarfe an einer vernünftigen und adäquat zu nennenden Bewältigung der gra- vierenden Existenzprobleme der Menschen und einer um ihretwillen nötigen Veränderung der so- zio-ökonomischen und politisch-kulturellen Ord- nung unterrepräsentiert. Es sind denn auch in den staatlich und von politischen Organisationen ver- antworteten Veranstaltungen die Infrastrukturen, Inhaltsbestimmungen und Praktiken Politischer Bildung in der früheren wie derzeitigen BRD, wenn auch weitaus moderater und offener als in Diktaturen jeglichen Typs, immer wieder für Zwe- cke der generellen und partikularen Loyalitäts-, Akzeptanz- und Unterstützungsbeschaffung für die herrschende Ordnung und deren Regelwerk oder / und spezielle Programme und Aktionen der Gestaltung hierarchisierter Lebensverhältnisse be- nutzt worden. Durch die damit gegebene Parteilichkeit mehr für die faktisch geltende als für die normative politi- sche Verfassung und ihr nützende Privilegierte oder Konzepte hat Affirmation von Herrschaft und ihrer systemischen Ausprägungen wiederkehrend ein le- galistisches Übergewicht erlangt. Bei ihm leitet Mündigkeit höchstens leerformelhaft und funk- tionalistisch die Absicht, wohingegen Emanzipa- tion – als Befreiung aus Vorurteilen und Ideo- logien, als Distanz zu den Machtverhältnissen und ihrem Bodensatz sowie als Erlangung und Erweite- rung von Selbstverfügungsfähigkeit für persönliche Autonomie und basale Partizipation an den Ge- schicken des Gemeinwesens – weitgehend (bis zur Deklaration als Verfassungsfeindlichkeit) verdrängt

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=