Handbuch 5. Auflage
Politische Bildung 1215 Dynamik sozialer Probleme und ihre pädagogische Relevanz: Zukunft der Politischen Bildung Die Auslegung Sozialer Arbeit als Sozialpädagogik trägt der Notwendigkeit eines Primats der Hilfe zur Selbsthilfe sowie einer Mitwirkung der Menschen an der Lösung der sie betreffenden existenziellen Pro- bleme Rechnung. Schließt sie in ihre breite Palette eigensinniger und eigenwertiger Modalitäten emanzipatorische Politische Bildung ein, zielt dies auf doppelte Politisierung . Damit geht es zunächst darum, dass sich subjektiv und subkulturell in pre- kären materiellen Lebensverhältnissen oder psy- chischen Belastungen und Störungen niederschla- gende Dilemmata nicht indifferent oder als individuelles Versagen oder als Schicksal gedeutet werden, sondern mit ihrer Grundierung in sozialen Konstellationen im Zuständigkeitsbereich der Poli- tik transparent werden. Des weiteren geht es da- rum, dass über die akute Sicherung der materiellen Reproduktion und über therapeutische Stabilisie- rung der den Charakter und die Interaktionen im Gemeinwesen prägenden Seelenkräfte hinaus eine substanzielle Beteiligung – nicht nur an der Ent- scheidung und Ausgestaltung der dafür nötigen Operationen, sondern auch an einer Umgestaltung der staatlichen und privaten Regulationssysteme zugunsten einer Verbesserung von wohlfahrtlicher Fürsorge und einer künftigen Vermeidung ins- besondere von sozialen Verwerfungen, Subjekt- schädigungen, Verarmungstrends, Ausgrenzungen und geistig-moralischer Verwahrlosung – vorberei- tet und erprobt wird. Wenn dabei von Eigeninitiative die Rede ist, darf nicht die Förderung einer individualistisch-egoma- nischen Problemlösung durch Selbstvermarktung und Verzicht auf Solidargemeinschaften gemeint sein, sondern allein die demokratisierungsrelevante Förderung von Subjektpotenzen zur Entdeckung und Durchdringung von Problemformationen, zur Teilhabe an kommunikativer Verständigung sowie zur kreativen Gewinnung eines destruktionsfreien Lebensentwurfs und von Verhandlungskompetenz im Interessenausgleich mit anderen. Dafür sind Freiräume der Selbstorganisation von Politischer Bildung ebenso vorzusehen wie eine Öffnung her- kömmlicher Einrichtungen der Schulen, Akademien, Jugendfreizeit- oder Beratungsstätten. Künftighin zu erwartende Zunahme und Ausdifferenzierung von unabdingbar zu lösenden sozialen Problemen (unter Randständigen wie immer mehr auch unter Wohlstandsbürgern) als bearbeitungsbedürftige Aus- drucksformen der Reflexivität der Moderne anstelle der Berechtigung einer fortwährenden Oberflä- chenmodernisierung des Lernens liefert dafür etli- che Gründe und Anlässe. Gerade deshalb ist von den besonderen Bedarfen der Sozialarbeit und ihrer Ansprechpartner aus darauf hinzuwirken, dass Politische Bildung jenseits von Staat und Markt – als Veranstaltung öffent- lich-rechtlicher Organe und zivilgesellschaftlicher Bewegungen oder Initiativen neben den traditio- nellen Stiftungen – eine gesellschaftliche Aufwer- tung erfährt, um deren Unterstützung willen frei- lich die bleibende Verantwortung der öffentlichen Hand und nötige Wertabschöpfungen in der Wirt- schaft nicht zu dispensieren sind. Im Übrigen ist zu verdeutlichen und aufzugreifen, dass und in- wiefern in den Problemlagen Ausgegrenzter und in den Kapazitäten ihrer intuitiv oder durch auf- geklärtes Bewusstsein fundierten Gegenwehr wie Selbstverwaltung Potenziale für eine kosmopoli- tisch-interkulturell zu präzisierende Politische Bil- dung schlechthin sowie für eine Regeneration der (reflexiven Neubestimmung der) Bedürfnisse, Modalitäten undVerantwortungsbereichemensch- lichen Zusammenlebens liegen. Der Vernetzung zwischen verschiedenen pädagogischen und sozial- politischen Instanzen sowie der Intensivierung ih- rer Leistungen mit einer aufgabenbewussten Fo- kussierung von Zielen, Inhalten und Verfahren der Politischen Bildung auf vorrangig zu bearbeitende Fragwürdigkeiten des dynamischen sozialen Wan- dels und seine unvermiedenen oder erstrebens- werten Folgen sind damit einige markante Wege gewiesen. Die Ausführungen beziehen sich als kritische Synopse und zuspitzende Weiterführung auf die Essenzen der abschließend benannten Literatur. Aufgrund der damit gegebenen Dar- stellungslogik entfallen einzelaspekthafte Hinweise und Zu- ordnungen. – Die vom Verfasser ausdrücklich bevorzugte Textfassung nach den ‚alten‘ Regeln der deutschen Recht- schreibung wurde im Interesse einer einheitlichen Gestaltung aller Beiträge des vorliegenden Handbuchs von Herausgeber- und Verlagsseite gemäß den ‚neuen‘ Usancen transformiert.
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