Handbuch 5. Auflage
1214 Claußen kräfte subjektiv konstruierte Schemata über Politik eigenständig entwickeln und modifizieren, nicht aber sich an gegebenen Sachverhaltszusammen- hängen und dazu vorliegenden wissenschaftlichen Aussagenkomplexen abarbeiten. In beiden Fällen wird ausdrücklich mit den in der emanzipatori- schen Politischen Bildung bekannten und bewähr- ten Prinzipien kategorialen und exemplarischen Lernens als kollektiver Arbeitsprozess und als dis- kursive kognitive Bewältigung von Lernaufgaben, die auf bedeutsam-allgemeinen Erkenntnis-, Hand- lungs- und Ordnungsproblemen gründen, gebro- chen. Praxis als intendierte und unvermiedene Erfahrung: Politische Bildung unter variablen Realitätsbedingungen Substitution gehaltreich-vollwertiger Politischer Bildung durch ‚Demokratiepädagogik‘ oder / und ‚neue Lernkultur‘ verlängert mit einer Abstinenz gegenüber den existenziellen Schwierigkeiten (v. a. von Benachteiligten und Außenseitern) der Gesell- schaft in der Alltagssozialisation ohnehin schon stattfindende defensive Lernprozesse , die sich als sta- gnative oder regressive Verarbeitung von politischen Antinomien, Diskrepanzen, Antagonismen, Ambi- valenzen sowie Heterogenitäts-, Konflikt- und Krisenformationen niederschlagen. Die ihnen ei- gentümliche Mischung aus Substanzverlust, Sinn- entleerung oder -verschiebung, Subjektivierung und Entpersönlichung des Lernens führt in eine beschäftigungstherapeutisch anmutende und durch andauernde Virtualisierungen gesteigerte Politik- ferne, die angesichts der erwarteten Selbstdiszi plinierung indes nur scheinbar paradox ist, aber durch Verlagerung auf betriebswirtschaftliche, eh- renamtliche oder mikrosoziale Aktivitäten verstärkt wird. Mögen damit vordergründige Adressatenbedürf- nisse befriedigt (oder bloß suggeriert) werden, ist die Prosperität von Individuum und Gesellschaft weiterhin gefährdet. Denn es unterbleibt offensives Lernen mit Aussicht auf eine progressive Daseins- deutung und -bewältigung in solidarischen Prozes- sen folgenreicher Systemkritik zugunsten der Gel- tendmachungundErweiterungvonSelbstverfügung nach verallgemeinerbaren Interessen. Das gilt erst recht, weil ‚Demokratiepädagogik‘ und ‚neue Lernkultur‘ die behauptete Offenheit durch An- bindung an verbindliche Bildungsstandards forma- listisch untergraben, deren Überprüfung auf dem Umweg über strikte Outputorientierung Konfor- mismuserwartungen und vermittels dieser Grund- bestandteile einer fragwürdigen Political Correct- ness indoktrinieren. Darin finden die Bedürfnisse des Establishments Berücksichtigung, nicht aber die Kontroversität der Lerngegenstände und der Einschätzung der in ihnen repräsentierten objekti- ven Seinsumstände oder die differente Interessen- lage der am Lernprozess Beteiligten. Politische Bildung ist daher dringend wieder in emanzipatorischer Perspektive auf eine interaktive Vermittlung zwischen Subjekt und System zu kon- zentrieren. Gelingen kann dies durch eine einge- hende, auf differenziertes Bewusstsein und Stand- punktsicherheit zielende Beschäftigung mit Schlüsselproblemen im Zentrum und Umfeld frie- densrelevanter sozialer Gerechtigkeit, materialer Demokratie und ökologischer Verantwortung, de- ren sinnelementare Durcharbeitung den Zusammen- hang von existenziell bedeutsamen Herausforderun- gen als öffentliche Angelegenheiten, Institutionen und Verfahren ihrer Regulation sowie vielfältiger Prämissen, Optionen und Bedürfnisse der Gewähr- leistung eines würdevollen (Über-)Lebens ent- schlüsselt. Erst auf ihrer Grundlage können die Be- troffenen sich aufgeschlossen machen für eine dezidierte Kritik sowie die Anmahnung, Ent- deckung und Begehung von alternativen Entwick- lungspfaden der Zivilisation. Dafür kommt es da- rauf an, unterschiedliche Medien souverän zu nutzen und variable Kommunikationsweisen zu pflegen, v. a. jedoch in verständigungsorientierten Diskursen Persönlichkeitskräfte in konflikttaugli- cher Identität zu generieren und komplexe politi- sche Sachverhalte mit humanen Zukunftsperspekti- ven zu klären. Die Klientel der Sozialarbeit stellt dabei eine eigentümliche, in sich vielfältige Adressa- tengruppe dar, die auf besondere Anknüpfungs- möglichkeiten und Handlungsbedarfe verweist, ist aber vor Entmündigung dadurch zu schützen, dass auch für sie die Unteilbarkeit der Ansprüche und Prinzipien emanzipatorischer Politischer Bildung gilt und nicht etwa in mildtätig gemeinten Schmal- spurkonzepten aufgelöst wird.
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