Handbuch 5. Auflage
1217 Posttraditionale Vergemeinschaftung Von Wilfried Ferchhoff In diesem Beitrag geht es darum, holzschnittartig die Genese und im historischen Verlauf den sozia- len und kulturellen Wandel zu rekonstruieren, den jugendliche Gesellungs-, Erlebnis-, Vergemein- schaftungsformen und Gleichaltrigengruppen in Europa erfahren haben. Vor dem Hintergrund ra- pider ökonomisch-technologischer, medialer und gesellschaftlicher Entwicklungen sowie imMedium von Globalisierungsprozessen wird analytisch he- rausgearbeitet, dass das historisch vorherrschende jugendkulturelle Territorialprinzip, der hohe Grad an Ritualisierung und der Konformitätsdruck in nahezu allen Lebensbereichen und die tendenziell engen jugendlichen Bindungs-, Erfahrungs- und Lebensräume im Laufe historisch gesellschaftlicher Wandlungsprozesse immer mehr aufgeweicht wur- den. Stattdessen rückten vor allem auch delokali sierende Tendenzen und informelle Elemente von Erlebnissen, Gesellungen, Gleichaltrigengruppen sowie posttraditionale, eventorientierte Jugendkul- turen, -gemeinschaften und -szenen ins Blickfeld, wie wohl lokale Jugendkulturen (vgl. zum histori- schen Wandel von den sozialmilieuspezifisch grun- dierten lokalen Jugend sub kulturen zu den offenen, kontingenten individualitätsbezogenen Jugendkul- turen: Ferchhoff 2007a) nach wie vor real nicht zu- letzt in städtischen Arealen Orte, Plätze, Straßen- räume etc. einnehmen, besetzen und gegenüber anderen Jugendgruppen verteidigen (Vorüberle- gungen hierzu: Ferchhoff 2009, 192 ff.; Ferch- hoff /Hugger 2010, 89 ff.). Die delokalisierenden Tendenzen jugendkultureller Gemeinschaften rei- chen historisch in Zeiten hinein, in denen – zu- nächst zögerlich massenwirksame – translokale kulturelle Events sich durchsetzten und die sog. Neuen Medien und insbesondere die Online-Me- dien, paradigmatisch das Internet noch gar nicht vorhanden waren und demnach noch keine Rolle spielen konnten. Die Übergänge zu den heutigen delokalisierenden Massenevents und zu den netzba- sierten, virtuellen jugendkulturellen Gemeinschaften scheinen kontinuierlicher und fließender zu sein, als die aktuellen Debatten und Diskurse zu den Vergemeinschaftungen der kulturellen Massen events und zu den ganz neuen virtuellen (Jugend-) Gemeinschaften oftmals suggerieren. In diesem Kontext werden zumindest implizit sowohl die – nicht immer unproblematisch verwendete, zuweilen pathetisch oder gar mystifizierend bzw. romantisierend aufgeladene – geistes- und sozial- wissenschaftliche Gemeinschaftsmetapher sowie die heutigen posttraditionalen, tendenziell indivi- dualisierten Formen der jugendlichen Gesellung resp. der Gemeinschaftsbildung, namentlich der sog. Jugendszenen mitreflektiert, die im alltägli- chen Sprachgebrauch auch von Jugendlichen treff- sicher erfahrungsadäquat so genannt werden. Zu- weilen spricht man etwa im Hinblick auf den Beziehungsstatus in den sozialen Netzwerken der virtuellen Gruppenwelten auch von schwachen Bin- dungen der New Kids on the Blog in den Social Com- munities – bspw. bei Facebook , Myspace , Twitter , StudiVZ oder SchülerVZ –, die ihrerseits sehr wohl eine positive soziale Funktion haben und die Nut- zer mit neuen Perspektiven und Deutungshorizon- ten versorgen können, die der enge Freundeskreis in der Offline-Welt alleine so nicht (mehr) bieten kann. Historische Entwicklungen von Gleichaltrigengruppen Die europäischen Stadtgesellschaften des späten Mittelalters und der Renaissance neigten struktu- rell dazu, direkte interaktive Gruppenbildung vor- nehmlich unter männlichen Gleichaltrigen zu för- dern und weiterzuentwickeln (Rossiaud 1994, 29). Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art112, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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