Handbuch 5. Auflage
1218 Ferchhoff Und im Rahmen des Besuchs nicht lokaler, aus- wärtiger Schulen bildeten wandernde Scholaren wie die wandernden Studenten und Handwerks- gesellen Beispiele jugendlicher Gruppierungen (Hermsen 1998, 133). Altersheterogenität war vor- herrschend sowohl in den zumeist sich gegen die vorherrschenden Werte und Normen der bestehen- den Ordnung auflehnenden mittelalterlichen Ju- gendbanden, die in der Regel aus Lehrlingen und Gesellen desselben Handwerks oder verwandter Berufe stammten (aber auch Raufereien mit Gesel- len anderer Handwerkszweige oder mit anderen Jugendgruppen waren an der Tagesordnung), als auch bei den fahrenden Klerikerscholaren und den oftmals gefürchteten studentischen Wanderschola- ren, die mit allerlei Initiationsriten, Brauchtum, bestimmten Varianten des Rügebrauchtums in Ge- stalt landsmannschaftlich geprägter Verbindungen und Gemeinschaften vor allem durch ausgedehnte Zechgelage, Zechprellerei und „wilde Wirtshaus- schlägereien“ einhergingen (Lundt 1996, 111). In den studentischen, exklusiven männerspezifischen Gemeinschaften gab es – analog zu den Verbänden der Handwerksgesellen – im Innenleben der Ge- meinschaft viele ausgeprägte Aufnahmerituale und Initiationsriten. Es fehlte allerdings das sog. rituali- sierte Werbebrauchtum. Die Beziehungen zu Mäd- chen „blieben in der Studentenschaft durch Jahr- hunderte ein besonders prekärer Problembereich“ (Mitterauer 1986, 203). In den ländlich-dörflichen Strukturen lebten im europäischen Mittelalter 85–90% der gesamten Bevölkerung. Von zentraler Bedeutung für das mittelalterliche Jugendleben auf dem Lande waren bis in die industrialisierte Neuzeit hinein speziell die männlich geprägten Junggesellenverbände oder Burschenschaften für das jugendliche Gemein- schaftsleben, die sowohl militärisch-politische, ge- sellschaftlich-kulturelle, sittliche und religiöse und kultaffine Funktionen besaßen und im territorialen und lokalen Rahmen bei der Ausrichtung von Fest- zyklen und Brauchtümern im Jahreskreis, von Dorf- und Familienfesten wie „Neujahrs- und Maifeiern, der Fastnacht, dem Johannisfest, der Dorfkirmes und dem Erntedankfest“ im Span- nungsfeld der Geschlechter – etwa was das rituali- sierte Werbebrauchtum der Geschlechterbeziehun- gen und die Sexualität anging – „regulierend und normalisierend“ (Hermsen 1998, 129) mitwirkten. Obgleich bei den Festen, Spielen und beim Tanzen alle Einwohner des Dorfes beteiligt waren, konnte im Rahmen dieser Brauchtümer und Feste spezi- fisches Jugendleben mit Rangordnungen, mit Hie- rarchien und mit spezifischen Aufnahmeritualen (Körperkraft, sportliche Leistungen, Gewandtheit, Scharfsinn, Virtuosität, Anziehungskraft und Er- folg bei Mädchen etc.) – freilich getrennt nach Ge- schlechterrollen – inszeniert werden. Markante ge- selligeTreffpunktederunverheiratetenJugendlichen auf dem Lande waren neben den erwähnten Festi- vitäten insbesondere der zumTanze und zur Braut- werbung einladende Dorfanger und vor allem im Winter die sich zumindest tendenziell der strengen Kontrolle mindestens der männlichen Erwachse- nen entziehende und gleichsam Brautwerbung be- treibende Spinnstube – ein hausgemeinschaftlicher Arbeits-, Geselligkeits- und Sozialraum insbeson- dere für Mädchen und Frauen (Hermsen 1998, 128). Die Jugendgeselligkeit der Spinnstuben, in denen zuweilen auch Burschen ausgeschlossen wurden, kann, gleichwohl sie nicht als autonome jugendliche Veranstaltung angesehen werden konnte, dennoch als alte Vorstufe der weiblichen Gemeinschaftsform der informellen Jugendgruppe charakterisiert werden (Mitterauer 1986, 192). Ein weiterer Typus traditionaler städtischer Jugend- gruppen waren im 19. und 20. Jahrhundert territo- rial bezogene Gemeinschaftsformen von Jugend- lichen der städtischen Unterschichten, während die Jugendlichen der Oberschicht „mehr an der Stadt- gemeinde als Ganzer orientiert“ waren (Hermsen 1998, 194). Solche räumlich-quartiersbezogenen Jugendgruppen waren in der Regel kurzlebiger und nicht so stark wie die ländlichen Burschenschaften in die festgefügten Organisationsformen der Er- wachsenenwelt integriert. Sie waren über den räumlichen Bezug (Rummelplätze, Parks, Plätze, Straßenzüge, Quartiere), über Symbole, Zeichen, Körperkraft, Mut, Geschicklichkeit und Rangord- nung identitätsstiftend. Deren männlichkeitsspezi- fische Lebensformen und Lebensstile lassen sich historisch bis weit ins Mittelalter zurück verfolgen. Aus der Perspektive des Bürgertums wurden sie zu- meist in Terminologien gefasst, die deren kultur- und normabweichenden, zuweilen auch devianten und Gefährlichkeit anzeigenden, als Subkulturen , als Cliquen oder noch drastischer: als gangs , als Straßenbanden usw. mit zuweilen martialischen Selbstbezeichnungen und Identifikationssymbolen in die Zone der Kriminalität gerückt wurden.
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