Handbuch 5. Auflage
Posttraditionale Vergemeinschaftung 1225 Nohl – in einem Drei-Stufen-Modell im Kontext der „wahren Bestimmung der Jugendbewegung“ eines vorfaschistischen Gedankenguts der Volks- gemeinschaft – weitergeführt wurde: Von der indi- viduellen Persönlichkeit in der ersten Phase über die Gemeinschaft als lebendige Beziehung von Mensch zu Mensch (Nohl 1963) bis hin zum Dienst als Hingabe an etwas objektiv Übergeordnetes, na- mentlich die Volksgemeinschaft, die Nation. An die Stelle des unmittelbaren interaktiven pädagogi- schen Bezugs trat der Kreis junger Menschen um den Fahnenmast, und mit dem begleitenden Lied- gut und dem Hissen der Fahne spürte man die metaphysische Wirklichkeit von Fahnenmast und Volksgemeinschaft. Es bleibt festzuhalten: Die zuweilen naive Verwen- dung des traditionellen Gemeinschaftsbegriffs für soziale Prozesse bzw. Gesellungsformen (nicht nur) von Jugendlichen im Netz ist kritisch zu hinterfra- gen, weil er neben historisch mythenbildenden Konnotationen auch noch ortsgebundene bzw. na- tionalstaatliche bzw. kulturell fest abgesteckte Räume betont, wogegen sich Räume aufgrund von Globalisierungsprozessen heute immer mehr ent- grenzt darstellen. Mit Virtualisierung wird zumeist ein Phänomen im World Wide Web beschrieben, das einen eigenen Typus von virtueller Gemein- schaft hervorbringen, gleichzeitig aber auch beste- hende Gemeinschaften erfassen und verändern soll. Das medienvermittelte Erleben und der medienver- mittelte Erfahrungsbezug (Mediatisierung vonWelt und Lebenswelt) sollen neben Merkmalen der De- territorialität und Translokalität gesellschaftliche Prozesse der Individualisierung, Globalisierung und Ökonomisierung charakteristisch für das Entstehen posttraditionaler Gemeinschaften sein. Ein weiteres relevantes Merkmal für das Attribut Posttraditiona- lität wird darin gesehen, dass die Zugehörigkeit nicht aus Tradition resultiert, sondern auf einer tendenziell freiwilligen Entscheidung beruht. Dis- kurse zu diesen komplexen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und Lebensverhältnissen (tra- ditionale Gemeinschaften imRahmen traditioneller Gesellschaften, posttraditionale Gemeinschaften im Medium von Deterritorialität und Virtualität im Kontext (post-)moderner Gesellschaften) wer- den vor allem geführt: (Hitzler / Pfadenhauer 2001; Gebhardt et al. 2000; Hitzler et al. 2009). Dem- gegenüber lassen sich jugendkulturelle Gemein- schaften in der Online-Welt – ebenso wie in der Offline-Welt – kaum mehr als traditionale, hierar- chisch strukturierte, relativ homogene und dicht verbundene Gruppen charakterisieren, sondern adäquater als eher informelle, soziale Netzwerke in- terpersoneller Beziehungen. Aus dieser Perspektive stellen sie sich als weit offene strukturierte dar, weil der Blick sowohl auf die heterogene Teilnehmer- struktur in internetbasierten Diskussionsgruppen als auch auf die spezifischen sozialen Verbindungen in ihnen genauer erfasst werden kann. Literatur Bohnsack, R., Loos, P., Schäffer, B., Städtler, K., Wild, B. (1995): Die Suche nach Gemeinsamkeit und die Gewalt der Gruppe. Hooligans, Musikgruppen und andere Ju- gendcliquen. Leske&Budrich, Opladen Boyd, D. (2009): Friendship. In: Mizuko, I., Baumer, S., Bittanti, M., Boyd, D., Cody, R., Herr-Stephenson, B., Horst, H.A., Lange, P.G., Mahendran, D., Martinez, K.Z., Pascoe, C.J., Perkel, D., Robinson, L., Sims, C., Tripp, L.: Hanging Out, Messing Around, Geeking Out: Living and Learning with New Media. MIT Press, Cam- bridge Döring, N. (2003): Sozialpsychologie des Internet. Hogrefe, Göttingen u.a. Ferchhoff, W. (2011): Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. 2.Aufl., VS Verlag, Wiesbaden – (2009): Mediensozialisation in Gleichaltrigengruppen. In: Vollbrecht, R., Wegener, C. (Hrsg.): Handbuch Medien- sozialisation. VS Verlag, Wiesbaden, 192–200 – (2007a): Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. VS Verlag, Wiesbaden – (2007b): Geschichte globaler Jugend und Jugendkulturen. In: Villanyi, D., Witte, M.D., Sander, U. (Hrsg.): Globale Jugend und Jugendkulturen. Aufwachsen im Zeitalter der Globalisierung. Juventa, Weinheim/München, 25–54 –, Hugger, K.-U. (2010): Zur Genese und zum Bedeutungs- wandel von Gleichaltrigengruppen. Lokale, de-lokalisie- rende und virtuelle Tendenzen. In: Hugger, K.-U. (Hrsg.): Digitale Jugendkulturen. VS Verlag, Wiesbaden, 89–101 Gebhardt, W., Hitzler, R., Pfadenhauer, M. (Hrsg.) (2000): Events. Soziologie des Außergewöhnlichen, Leske&Bu- drich, Opladen Hermsen, E. (1998): Jugendleben im Hoch- und Spätmittel- alter. In: Horn, K.-P., Christes, J., Parmentier, M. (Hrsg.): Jugend in der Vormoderne. Annäherungen an ein bil- dungshistorisches Thema. Böhlau, Köln/Weimar/Berlin, 111–140
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