Handbuch 5. Auflage

1227 Prävention und Intervention Von Karin Böllert Begriffliche Klärungen Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich im An- schluss an eine zeitliche Differenzierung des Prä- ventionsbegriffes von Caplan (1964) eine Defini- tion von Prävention als „vorbeugendes Eingreifen“ durchgesetzt. Intervention meint dagegen nach- gehende Eingriffe gegenüber bereits manifesten Störungen. Diese Unterscheidung geht auf eine Differenzierung von primärer, sekundärer und ter- tiärer Prävention zurück. Unter tertiärer Prävention werden demnach solche Maßnahmen verstanden, die der Besserung, Nacherziehung und der Resozia- lisierung mit demZweck dienen, zukünftige Norm- verstöße zu vermeiden. Die kritische Auseinander- setzung mit dieser Definition einer tertiären Prävention hat allerdings dazu beigetragen, dass in diesem Zusammenhang nicht von präventiven Maßnahmen ausgegangen wird, sondern in den Fällen, in denen bereits vorhandene Problemlagen bzw. auf normabweichendes Verhalten reagiert wird, der Gebrauch des Interventionsbegriffes nahe gelegt wird. In Abgrenzung hierzu richten sich se- kundäre Präventionsmaßnahmen an solche Per- sonengruppen, deren normabweichendes Verhalten noch nicht manifest ist. Frühzeitig beratende, be- handelnde und betreuende Angebote sollen die Verfestigung abweichenden Verhaltens verhindern. Aufklärung, Anleitung und Beratung sind schließ- lich die zentralen Angebotsformen der primären Prävention. Ihre Leistungen sollen dazu befähigen, potenziell abweichendes Verhalten ohne die Zuhil- fenahme von Angeboten staatlicher Instanzen be- wältigen zu können. Prävention in diesem Sinne ist dann die Vermeidung von Normabweichung; im Unterschied hierzu umfasst Intervention die Be- arbeitung von Normabweichungen. Gemeinsam ist präventiven und interventionistischen Maßnah- men, dass beide durch die Annahme geprägt sind, dass es verallgemeinerbare, gesellschaftlich an- erkannte Vorstellungen davon gibt, was konformes bzw. abweichendes Verhalten ist. Der gesellschaft- lich anerkannte Normenkontext, in den hinein vorbeugend integriert bzw. reaktiv wiederhergestellt werden soll, wird nicht problematisiert und gilt insofern als unhinterfragte Zielkategorie sowohl präventiver als auch interventionistischer Strate- gien. Das, was Prävention und Intervention in dieser Perspektive dann letztendlich nur noch von- einander unterscheidet, ist der Zeitpunkt, zu dem entsprechende Angebote und Maßnahmen umge- setzt werden. Prävention ist in diesem Sinne eine rechtzeitige Intervention; unterschieden werden müsste folgerichtig zwischen reaktiven und präven- tiven Interventionen. Ähnlich wie bereits der Pro- phylaxebegriff als Zusammenfassung aller Maß- nahmen zur Verhinderung der Entwicklung gesellschaftlich unerwünschter Persönlichkeits- strukturen definiert worden ist, gilt Prävention so- mit als Bezeichnung jener gesellschaftlich organi- sierter Maßnahmen, die die Konformität der Gesellschaftsmitglieder mit Verhaltenserwartungen des sozialen Systems sichern und dementsprechend das Auftreten normabweichender Verhaltensweisen verhindern sollen (Herriger 1986). Neben der zeitlichen Differenzierung von Prä­ vention existieren solche Konzeptualisierungen, die bei den jeweiligen Bezugsebenen präventiver Strategien ansetzen und strukturbezogene und personenbezogene Präventionsstrategien (Herri- ger 1986) bzw. institutionelle und personelle Prävention (Vobruda 1983) voneinander unter- scheiden. Vor diesem Hintergrund sind struktur- bezogene Präventionsstrategien durch Verursa- chungszentrierung charakterisiert. Ihre Ansatz- punkte sind restriktive soziale Lebenslagen als relativ konstante Rahmenbedingungen für die Produktion sozialer Auffälligkeiten. Ihre Ziel­ Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art113, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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