Handbuch 5. Auflage

1228 Böllert  setzung besteht von daher in der Verbesserung dieser Lebenslagen durch die Herstellung von kulturellen, ökonomischen und ökologischen Ressourcen. Personenbezogene Präventionsstrate- gien sind dagegen durch ihre Verhaltenszentrie- rung gekennzeichnet, pädagogisch-therapeutische Angebotsformen bezwecken dementsprechend die Verhinderung von Verhaltensauffälligkeiten. Personelle Prävention ist schließlich die domi- nante Interventionsebene behördlichen Handelns, während die institutionelle Prävention wesentlich in den Aufgabenbereich zentralstaatlicher Politik fällt. Damit wird letztendlich eine Dichotomisie- rung des Präventionskonzeptes vorgenommen, die zwar auf der einen Seite die strukturellen Grenzen sozialpädagogischen Handelns berück- sichtigt, auf der anderen Seite aber eine mögliche Komplementarität dieser beiden Präventionsstra- tegien nicht erfassen kann. Schließlich sind aus dem Gesundheitsbereich schon seit längerem Differenzierungen von univer- saler, selektiver und indizierter Prävention bekannt (Gordon 1983). Universale Prävention zielt dabei auf die Gesamtbevölkerung und die Senkung der Zahl von Neuerkrankungen. Selektive Prävention geht von gut belegten Risikofaktoren und -bedin- gungen aus und will die Auftretenswahrscheinlich- keit von Krankheiten bzw. Störungen bei Risiko- gruppen verringern. Indizierte Prävention zielt schließlich auf Personen mit manifesten Proble- men, bei denen Komorbidität vermieden werden soll (BMFSFJ 2009, 51). Fasst man die bislang vorliegenden Definitionsver- suche des Interventions- und des Präventions- begriffes insgesamt zusammen, so kann festgehal- ten werden, dass beide bis heute inhaltlich unbestimmt geblieben sind und eine eindeutige Systematik vermissen lassen. Zur Attraktivität von Prävention Trotz der genannten Schwächen bisheriger Präven- tionsvorstellungen hat der Präventionsbegriff seine Attraktivität für die Soziale Arbeit nicht verloren. Er gilt nach wie vor als Synonym für eine erhöhte Problemadäquanz und eine gesteigerte Effektivität sozialer Dienstleistungen. Dies hat mit dazu bei- getragen, die Zuständigkeit von Prävention und ihre Maßnahmenbreite enorm zu vergrößern. Nicht nur der Einzelfall, sondern das ihn umge- bende Milieu, das Gemeinwesen, schließlich alle Lebensbereiche sollen im Mittelpunkt einer prä- ventiven Problembearbeitung stehen. Folgende Veränderungen werden u. a. angestrebt: Mit der In- tegration von Einrichtungen in Stadtteilen und der Dezentralisierung sozialer Dienste sollen die Schwellenängste von sozial benachteiligten Perso- nengruppen abgebaut werden. Zugleich verspricht man sich hiervon eine bessere Kenntnis der Lebens- bedingungen der Betroffenen. Die Kooperation mit anderen Institutionen erfolgt mit dem Ziel, ei- nerseits die Kontakte sowohl für Fachkräfte als auch für die Klientel überschaubarer zu gestalten. Andererseits soll hierüber eine frühzeitige Problem- wahrnehmung ermöglicht werden. Prävention als neue professionelle Perspektive soll dementspre- chend vorrangig durch institutionelle Veränderun- gen erzielt werden (Trabant /Wurr 1989), womit allerdings die Annahme einhergeht, dass v. a. ad- ministrative Veränderungen präventive Wirkungen unterschiedlicher Problembearbeitungsstrategien erzielen können. Eine Sichtweise schließlich, mit der Prävention nahezu all das umfassen soll, was als Umorientierung, Veränderung und Innovation im Bereich der Sozialen Arbeit gilt, leistet außerdem einer Tendenz Vorschub, die unter dem Motto »Prävention statt Intervention« letztendlich nicht mehr klären kann, für welche Problembereiche und Aufgabenstellungen präventive oder interventio- nistische Strategien die angemessenen Reaktions- weisen bedeuten (Otto 1991). Unberücksichtigt bleibt weiterhin, dass gängige Präventionsvorstel- lungen schon früh dahingehend problematisiert worden sind, dass sie der Gefahr unterliegen kön- nen, zu einer technokratischen Rekonstruktion po- tenzieller Risikogruppen beizutragen (Castel 1983) und zu einer Verstärkung der Fremdbestimmung von Lebensläufen zu führen (Schulz /Wambach 1983). Die kleinräumige Ausrichtung entsprechen- der Präventionsstrategien, ihre Betonung der För- derung von Empowerment und ihre Orientierung an lokalen Gemeinschaften kann vor diesem Hin- tergrund immer auch Ausdruck einer zunehmen- den Kontrolle sozialer Räume und Beziehungs- muster sowie einer wachsenden Verlagerung der Verantwortung für die Bewältigung sozialer Risi- ken und Probleme auf die Betroffenen selbst sein. Prävention bewirkt in dieser Perspektive dann eher eine Verstärkung sozialer Ungleichheiten und

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