Handbuch 5. Auflage
123 Ausbildung für Soziale Arbeit in Europa Von Franz Hamburger, Sandra Hirschler, Günther Sander und Manfred Wöbcke Seit der Entstehung Sozialer Arbeit als Profession und der Etablierung der ersten Schulen für Soziale Arbeit in London und Amsterdam (1896), der so- zialwissenschaftlichen Abteilung der Universität Liverpool (1904), der „Praktischen Schule für Sozi- alausbildung“ in Paris (1907) und der „Sozialen Frauenschule“ in Berlin (1908) ist die Ausbildung in fast allen europäischen Ländern bis in die jüngste Gegenwart von großer Vielfalt und Heterogenität geprägt. Diese Uneinheitlichkeit erklärt sich nicht nur aus den unterschiedlichen Sozial- und Bil- dungssystemen der jeweiligen Länder, sondern auch aus den Verwurzelungen der Schulgründun- gen in differierenden bzw. konkurrierenden philan- thropischen, sozialpädagogischen, konfessionellen, ideologischen und politischen Konzepten und so- zialen Bewegungen (Lorenz 1992). Auch in der Gegenwart deckt die Ausbildung für Soziale Arbeit trotz aller Vereinheitlichungstenden- zen ein breites Spektrum unterschiedlicher Ausbil- dungsinstitutionen, -gänge und -abschlüsse ab. Die Ausbildungsformen zeigen sowohl in vertikaler Sicht (von der einjährigen Kursausbildung bis zum Promotionsstudiengang) als auch in horizontaler Perspektive (von der Freizeitpädagogik bis zur Sozi- alarbeit in der Psychiatrie) eine komplexe institu- tionelle und thematische Bandbreite. In unserer (deutschen) Terminologie und Kategorisierung kann grundsätzlich zwischen basaler Berufsausbil- dung an Fachschulen sowie akademischer Ausbil- dung im tertiären Sektor an Fachhochschulen und Universitäten unterschieden werden, allerdings lassen sich nicht alle Ausbildungsformen immer eindeutig diesem Schema zuordnen. In der Mehrzahl der Länder existieren bislang paral- lele Studiengänge auf Fachhochschul- und Univer- sitätsebene (z. B. in Belgien, Deutschland, Frank- reich, Großbritannien, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden und Ungarn); während in Italien und Spanien die früheren Schulen für Sozialarbeit in den 1990er Jahren in universitäre Ausbildungsgänge überführt worden sind. Auch in anderen Ländern (wie Finn- land, Island, Kroatien und der Türkei) wird das Sozialarbeitsstudium ausschließlich an Universitä- ten angeboten, während umgekehrt in Österreich die Ausbildung der Sozialarbeiterinnen und Sozial- arbeiter nur an nichtuniversitären (Berufs-)Aka- demien möglich war, die inzwischen in private Fachhochschulen umgewandelt worden sind. In Ost- /Mittelost- / Südosteuropa sind im Kon- text der gesellschaftlichen Transformationsprozesse recht unterschiedliche Entwicklungen zu beobach- ten: In einigen Ländern wird an die vorgefundene Tradition des sozialpädagogischen Universitäts- studiums angeknüpft, in anderen wurden die oft bereits in den 1920er Jahren entstandenen Schulen für Sozialarbeit wiederbegründet; vielfach findet eine an die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte der Sozialarbeit erinnernde Rezeption US-ame- rikanischer, britischer und niederländischer Aus- bildungskonzepte statt. Relativ vergleichbar sind die verschiedenen Aus- bildungsgänge des tertiären Bereichs in Europa hinsichtlich der Dauer des Studiums (drei bis fünf Jahre), während der Anteil der vorgeschriebenen Praktika zwischen fünf und 50% variiert. Nicht nur die Ausbildungssysteme, sondern auch die Träger der Einrichtungen (staatliche, regionale, kommunale, kirchliche, freie und private), die Be- zeichnungen der Studiengänge und deren Ver- ortung als wissenschaftliche Disziplinen sowie die Abschlüsse und Zugangsberechtigungen zum Ar- beitsmarkt variieren von Land zu Land. Neben diesen historisch gewachsenen Ausbildungsstruk- turen entstehen zunehmend universitäre, private und kommerzielle Fort- und Weiterbildungsange- bote unterschiedlichster Dauer und Qualität. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art009, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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