Handbuch 5. Auflage
124 Hamburger · Hirschler · G. Sander · Wöbcke Wissenschaftlich waren die Ausbildungsgänge für Soziale Arbeit in Europa bislang nur unzulänglich untersucht; die erste umfassende Bestandsauf- nahme von Brauns /Kramer (1986) vernachlässigte zudem die damals schon zu verzeichnenden Ent- wicklungen der universitären Ausbildung für Sozi- alarbeit / Sozialpädagogik in einigen Ländern. Auch die folgenden Untersuchungen (Brauns /Kramer 1991; Council of Europe 1995; Kersting et al. 1995; Puhl /Maas 1997; Badelt / Leichsenring 1998) hinkten der Entwicklungsdynamik vielfach hinterher, vor allem fehlten weitgehend valide Da- ten über die Ausbildungssituation in den Nachfol- gestaaten der UdSSR und Jugoslawiens, in Alba- nien, Bulgarien, der Slowakei, Rumänien, aber auch kleinen Ländern wie Malta, Zypern und Fürs- tentümern wie Liechtenstein und San Marino. Die gegenwärtige Umbruchperiode nach Bologna Die Landschaft der Ausbildung für Soziale Berufe in Europa ist in Bewegung geraten: Hochschul- politisch u. a. durch die Sorbonne-Erklärung über eine gemeinsame europäische Hochschulpolitik (1998) und die Bologna-Erklärung der EU-Bil- dungsminister zur Vereinheitlichung der akademi- schen Bildung (1999), forciert aber wohl vor allem durch die reale gesellschaftlich-ökonomische Ent- wicklung und die Aufnahme neuer Länder in die Europäische Union im Zuge der „Osterweiterung“. Aus der Europäisierung und Internationalisierung sozialer Probleme, der Sozialpolitik und Sozial- arbeit resultieren neue Qualifikationsanforderun- gen in der Praxis und damit auch in der Ausbil- dung. Dieser Prozess hat inzwischen alle Länder Europas erfasst, nicht nur die EU-Mitgliedsstaaten. Was können wir voneinander lernen, welche Fehler sollten wir vermeiden? Um die Ausbildungslandschaft transparent zu ma- chen und so den internationalen Vergleich zu er- möglichen, wurde im Rahmen des Forschungspro- jekts „Ausbildung für Soziale Berufe in Europa“ (1999 bis 2006) versucht, einen kompletten Über- blick über die Situation der Ausbildung in allen 46 europäischen Ländern (Auch wenn das Projekt unter dem Motto „Von Albanien bis Zypern“ lief, war der einzige Beitrag, der letztendlich nie ein- traf, der aus Albanien.), also nicht nur im EU-Eu- ropa, zu erarbeiten. Dazu wurden ausgewiesene Experten „vor Ort“ gewonnen, welche die Ausbil- dungsstrukturen und insbesondere die neueren Entwicklungen in ihrem jeweiligen Land unter- suchen sollten. Die im Folgenden nur skizzierten Untersuchungsergebnisse sind in vier Bänden im Verlag des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) veröffentlicht (Ham- burger et al. 2004–2007). Nordeuropa In Norwegen wurde in der Folge des Qualitäts-Re- formgesetzes für den Hochschulbereich (Univer- sitäten und Colleges) von 2002 die Ausbildung komplett auf BA- und MA-Studiengänge umge- stellt; diese Reform war vor allem an den norwegi- schen Universitäten sehr umstritten. Aufbauend auf dem Master kann die Promotion im Studien- gang Sozialarbeit erfolgen. Schweden bildet Sozialarbeiter ( Socionom ) und So- zialpädagogen ( Social Omsorg ) in siebensemestrigen Studiengängen an zwölf Hochschulen und neun Universitäten aus; eine Integration der beiden Stu- dienprogramme ist geplant. Eine Promotion in Sozialarbeit ist bislang nur an den Universitäten möglich. Trotz der starken Internationalisierung der Ausbildung existieren bislang keine BA- oder MA-Studiengänge. Dänemark hat die Ausbildung in zumeist nicht- staatlichen Seminaren und staatlichen Fachhoch- schulen (CVU) mit BA-Abschluss angesiedelt; Postgraduiertenstudien werden an zwei Univer- sitäten durchgeführt. Auf allen Ausbildungsebenen werden auch Weiterbildungsstudien in Sozialarbeit angeboten. In Finnland erfolgt die Ausbildung an sechs fin- nischen Universitäten sowie der schwedischen Ab- teilung der Universität von Helsinki. Die Institute für Sozialarbeit gehören zu den sozialwissenschaft- lichen Fakultäten. Nach dreijährigem Studium er- folgt der Abschluss BA und nach weiterem zweijäh- rigem Studium wird der MA vergeben; eine anschließende Promotion ist möglich. In Island findet eine vierjährige grundständige Aus- bildung seit 1976 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Reykjavik statt, demnächst wird auch an der Universität Akureyri das Studium der Sozialarbeit möglich sein.
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