Handbuch 5. Auflage
Prävention und Intervention 1231 werden. Des Weiteren sieht sich die Kinder- und Jugendarbeit immer mehr präventiven Parallel- strukturen gegenüber – oder lässt sich in diese einbinden, die z. B. in Form von Präventions- beauftragten und Präventionsräten genuine Ju- gendhilfeaufgaben kriminalpräventiv überformen. Kinder- und Jugendhilfe wird dabei immer zu ei- ner Institution, die vornehmlich jugendliche De- vianz verhindern soll und dabei Gefahr läuft, ih- ren eigentlichen Auftrag der Gestaltung positiver und förderlicher Lebensverhältnissen aus dem Blick zu verlieren (Lindner / Freund 2001). Ange- sichts solcher Entwicklungstendenzen ist die Frage zu stellen, was Prävention heute noch zu leisten vermag (Lüders 1995). Es ist somit zu- nächst zu klären, bezogen auf welche Risiken und Gefährdungen mit welcher Zielperspektive prä- ventiv gehandelt werden soll. Vor allem im Kontext der kritischen Kriminologie ist in diesem Zusammenhang immer wieder darauf aufmerksam gemacht worden, dass soziale Präven- tionslogiken mit ihrem Ziel der Disziplinierung und sozialen Kontrolle eine normierende Normali- sierung von Differenz implizieren, die als (Re-)In- tegration Persönlichkeitsveränderung an vorab de- finierte und durchgesetzte sog. Normalzustände verfolgt (Ziegler 2006). Daraus wird dann zwar kein generelles Plädoyer gegen Prävention ge- schlussfolgert, aber auf die Gefahren der Entwick- lung einer technokratische Sicherheit versprechen- den Präventionsgesellschaft aufmerksam gemacht (Strasser / van den Brink 2005). Hält man statt- dessen aber daran fest, dass all umfassende Sicher- heit weder möglich noch wünschenswert ist und an deren Stelle das Ernstnehmen der Unsicherheit gegenüber zukünftigen Ereignissen tritt, dann gilt es, den vermeintlichen Aufregungsschäden und nicht nur der Kriminalität vorzubeugen (Men- sching 2005). Eine solche Gegenstandsbestimmung von Präven- tion setzt dabei aber voraus, dass die Betroffenen selbst in entsprechende Definitionsprozesse einge- bunden sind und präventive Angebote ihre selbst- bestimmten Sichtweisen, Wahrnehmungen und Einschätzungen angemessen widerspiegeln. Schließ lich müssen auch die Grenzen von Prävention ein- deutig markiert werden und dies sowohl in Bezug auf die ihr immanenten Gefahren einer Ausdeh- nung sozialer Kontrollmechanismen als auch in Hinblick auf die eingeschränkten Wirkungen und Effekte, die Soziale Arbeit mit ihren präventiven Angeboten bewirken kann. Letztendlich wird es darauf ankommen, Prävention wieder zu dem wer- den zu lassen, was sie war: zu einem Strukturmerk- mal Sozialer Arbeit, nicht aber zu ihrem ausschließ- lichen. Gelingt dies nicht, dann läuft Soziale Arbeit Ge- fahr, Teil jener neoliberalen Tendenzen zu werden, die in einem Sozialinvestitionsstaat (Olk 2009) unter dem Deckmantel von Prävention die Privati- sierung von Verantwortung fordern. Gemeinsames Merkmal entsprechender Aktivierungsstrategien ist nämlich ihre Fokussierung auf Prävention: „Prä- vention wird wichtiger denn je, aber sie wird zu- nehmend zur Sache der Individuen, die gehalten sind, sich selbst ökonomisch zu regieren. Wer sich als unternehmerisches Selbst behaupten will, tut gut daran, rechtzeitig ins eigene Humankapital zu investieren“ (Bröckling 2004, 214). Im Post wohlfahrtsstaat wird die schon klassische Gegen- überstellung von struktureller versus personaler Prävention bzw. von Verhältnis- versus Verhaltens prävention einseitig aufgegeben zu Gunsten einer Perspektive, mit der nicht mehr der Schutz des Einzelnen vor strukturell verursachten Problemen imMittelpunkt steht, sondern der Schutz der sozial staatlichen Gemeinschaft vor vorgeblich ungerecht- fertigten Forderungen des Einzelnen (Dollinger 2006). Vor diesem Hintergrund ist dann die Per- spektive von weniger Prävention die Beibehaltung gesellschaftlich verantworteter sozialer Sicherheit durch Intervention. Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Suhrkamp, Frank- furt /M. Böllert, K. (1996): Prävention. In: Kreft, D., Mielenz, I. (Hrsg.): Wörterbuch Sozialer Arbeit. Beltz, Weinheim – (1995): Zwischen Intervention und Prävention. Eine an- dere Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit. Luchterhand, Neuwied – (1992): Prävention statt Intervention. Eine andere Funkti- onsbestimmung sozialer Arbeit. In: Otto, H.U., Hir- schauer, P., Thiersch, H. (Hrsg.): Zeit-Zeichen sozialer Literatur
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