Handbuch 5. Auflage
1230 Böllert Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass die Individualisierung von Lebensentwürfen und Le- bensläufen keineswegs voraussetzungslos ist. Sie stellt sowohl hohe Anforderungen an die einzelnen Individuen als auch an die Ausgestaltung ihrer Lebensbedingungen. Einerseits können gesell- schaftliche Freisetzungsprozesse als ein Zugewinn an individuellen Gestaltungsmöglichkeiten begrif- fen werden, andererseits sind aber die Zugangs- voraussetzungen zu diesen Gestaltungsmöglich- keiten ungleich verteilt. So sind materielle und soziale Ressourcen für die Teilhabe am Individuali- sierungsprozess unerlässlich, wenn selbstbestimmt entwickelte Lebensentwürfe tatsächlich eine Rea- lisierungschance haben sollen. Von einer ebenso großen Bedeutung sind zudem individuelle Kom- petenzen und Fähigkeiten, die den Einzelnen erst dazu in die Lage versetzen, selbstbestimmte Le- bensentwürfe entwickeln zu können. Vor diesem Hintergrund macht ein konträres Verständnis von Prävention und Intervention schließlich keinen Sinn. Vielmehr sind die entsprechenden Angebots- formen als ein Kontinuum unterschiedlicher, si- tuativ jeweils zu spezifizierender Maßnahmen der Sozialen Arbeit zu verstehen. Das heißt, dass im- mer wieder neu reflektiert werden muss, inwieweit auf Seiten der Adressaten und Adressatinnen So- zialer Arbeit bereits von selbstbestimmten Lebens- entwürfen ausgegangen werden kann und in wel- chem Umfang Soziale Arbeit dann die Grundlagen für ihre Umsetzung zur Verfügung zu stellen hat. In diesem Sinne heißt Prävention dann, struktu- relle und kontextuelle Möglichkeiten und Voraus- setzungen dafür zu schaffen, dass selbstbestimmte Lebensentwürfe tatsächlich realisiert werden kön- nen. Scheitern die Adressaten und Adressatinnen von Sozialer Arbeit dagegen bei dem Versuch, ei- genständige Lebensentwürfe zu entwickeln, stellt sich die Frage, welche unterstützenden Leistungen erforderlich sind, durch die ihnen entsprechende Kompetenzen vermittelt werden können. Inter- vention gewährleistet somit, dass die Adressaten und Adressatinnen der Sozialen Arbeit in die Lage versetzt werden, selbstverantwortete Lebensent- würfe zu begründen. Das, was Prävention und In- tervention dann voneinander unterscheidet, sind die Ansatzpunkte ihrer jeweiligen Maßnahmen. Prävention umfasst solche strukturbezogenen An- gebote, die über die Gestaltung von Lebensbedin- gungen individuelle Partizipationsmöglichkeiten beeinflussen. Intervention meint dagegen solche personenbezogenen sozialen Hilfen, die über die Befähigung des Einzelnen Gestaltungsspielräume eröffnen (Böllert 1995; 1996). Offen bleiben muss bei diesem Präventionsverständnis allerdings, über welche Möglichkeiten Soziale Arbeit verfügt, sol- che Angebote auch zu institutionalisieren und welche Methoden sie entwickelt hat oder aber ent- wickeln muss, die präventiven Wirkungen ihrer Maßnahmen zu analysieren. Ambivalenzen von Prävention In dem Maße, wie vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe präventive Angebote in den letzten Jahren eine enorme Konjunktur erleben, in dem Maße mehren sich die Stimmen, die vor einer Ent- grenzung und Segmentierung von Prävention war- nen. Hintergrund dieser skeptischen Einschätzun- gen ist eine in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe und hier insbesondere in der Jugendarbeit zu be- obachtende Tendenz, den Präventionsgedanken als Legitimationsfolie und als Begründungszusammen- hang für immer mehr Angebote und Aktivitäten auszuweiten, ohne dabei inhaltlich zu klären, wel- che Ziele mit einer präventiven Ausrichtung ver- folgt werden oder welcher Präventionsbegriff den entsprechenden Maßnahmen zu Grunde gelegt wird. Kritisiert wird in dem Kontext einer solchen Präventionsrhetorik ein damit einhergehender ge- nereller Gefährdungsverdacht gegenüber allen Kin- dern und Jugendlichen, ein präventives Misstrauen, dass auf einem defizitären Kinder- und Jugendbild basiert und Prävention auf die symbolische Befrie- digung öffentlicher Sicherheitsbedürfnisse verkürzt (Lindner / Freund 2001). Nicht die Adressaten und Adressantinnen der Kinder- und Jugendhilfe wer- den in dieser Perspektive vor Risiken und Gefahren geschützt, vielmehr gilt es, präventiv den von ihnen ausgehenden Gefahren und Risiken für andere ent- gegen zu wirken. Als typische Merkmale dieser Entwicklung können zum einen Präventionspro- gramme gelten, die im Anschluss an öffentlich wahrgenommene, d. h. bereits manifest gewordene Problemlagen bzw. Auffälligkeiten junger Men- schen verabschiedet worden sind. Zum anderen ist zu beobachten, dass einzelne Symptome ungeachtet ihrer vielschichtigen Problemursachen in speziellen, singulären Präventionsmaßnahmen abgearbeitet
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=