Handbuch 5. Auflage

1233 Profession Von Bernd Dewe und Hans-Uwe Otto Problemstellung Mit dem Terminus „Profession“ samt verwandter auf Handlung und Kompetenz bezogener oder auf den sozialen Prozess der Hervorbringung und Etablierung besonderer gesellschaftlicher Zustän- digkeiten zielender Begriffe – wie „Professionali- tät“ und „Professionalisierung“ – ist ein Schlüssel- wort aus dem modernen sozialwissenschaftlichen Diskurs benannt. Besonders in der Sozialen Ar- beit ist Professionalisierung zu einem Dauerthema geworden. Zieht man die US-amerikanische Pro- fessionalisierungsdiskussion mit ins Kalkül, so zeigt sich, dass die Professionalisierungsfrage be- reits seit den Anfängen des letzten Jahrhunderts gestellt wurde. Seit A. Flexners Essay „Is Social Work a Profession?“ (1915) sind ebenso facetten- reich wie kontrovers bis in die Gegenwart hinein Professionalisierungsnotwendigkeiten wie auch Professionalisierungsmöglichkeiten Sozialer Ar- beit sondiert worden. Zweifelsfrei haben diese Entwicklungen den deutschen Professionalisie- rungsdiskurs zur Sozialarbeit / Sozialpädagogik entscheidend beeinflusst. Hierzulande sind spä- testens seit der Proklamierung des Zieles einer umfassenden Professionalisierung Ende der 1960er Jahre (Otto / Utermann 1971) die Erörterungen über das Berufsbild und den Status der Sozial- arbeiter / Sozialpädagogen, vor allem aber über die Chancen der wissenschaftlichen Fundierung der Ausbildung nicht abgerissen. Die in den 1970er Jahren in der Regel normativ verstandenen, statusorientierten Merkmalsansätze, die sog. „attributes of a profession“, traten in dem Maße in den Hintergrund, wie es in der Folgezeit zu einer theoretischen Fundierung des Professions- konzepts mittels machttheoretischer, strukturfunk- tionalistischer, interaktionistischer und system- theoretischer Forschungsansätze kam: Mit der Rezeption zentraler sozialwissenschaftlicher Leit- theorien wie der Parson’schen struktur-funktiona- listischen Professionstheorie (Parsons 1951 / 2005), der neoweberianischen professionsbezogenen Machttheorie (Daheim 1992) und der an H. Be- cker oder Strauss orientierten interaktionistischen Theorie der Professionalisierungsvorgänge (Schütze 1992) war eine Differenzierung und zugleich eine Empirisierung der Debatten zu beobachten. Es hat sich mittlerweile eine eigenständige Professi- onsforschung in der Sozialarbeit / Sozialpädagogik etabliert. Ein Ergebnis dieser Forschung ist, ge- nauer zu unterscheiden zwischen einer Zentrierung des wissenschaftlichen Interesses auf a. Profession als einer besonderen Berufsform der Gesellschaft, die die soziale Makroebene betrifft, auf b. Professionalisierung als berufsgruppenspezi- fischem sozialen Handlungsprozess, der den ambi- valenten Verlauf der Etablierung von Professionen thematisiert und auf die Spezifik eines nicht-technologisierbaren c. Aggregatzustandes beruflichen Handelns, also auf die Professionalität von Sozialarbeitern im Sinne ei- nes habitualisierten, szenisch-situativ zum Aus- druck kommenden Agierens unter typischerweise sowohl hochkomplexen wie auch paradoxen Hand- lungsanforderungen Die fundamentalen Differenzen zwischen gesell- schaftstheoretisch informierten wie auch system- theoretischen Betrachtungen der „Form“ Profes- sion zur Bearbeitung von Inklusionsproblemen in speziellen Funktionssystemen und handlungstheo- retisch orientierter Professionsforschung (Wissen, Können, Ethik, Solidarität, Gerechtigkeit, Profes- sionen als Institutionalisierung der Relationierung von Urteilsformen) wurden erst in den letzten Jah- ren deutlicher erkannt und in den aktuellen pro- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art114, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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