Handbuch 5. Auflage

1245 Professionalität Von Bernd Dewe und Hans-Uwe Otto Problemstellung Professionalität und Profession stehen begrifflich für unterschiedliche Phasen der Institutionalisie- rung und Akademisierung der Sozialen Arbeit, die ihren Ausdruck in Veränderungen im theoretischen Diskurs der Professionsforschung finden. Im Zuge der analytischen Wendung der Professionstheorie kam ein verstärktes Interesse an einer struktur- und handlungstheoretischen Betrachtung sozialarbeite- rischen Handelns auf. Diese strukturtheoretische Betrachtungsweise pro- fessionellen Handelns legt eine Abkehr von der bisher favorisierten Normativität und eine Hin- wendung zu empirischen Untersuchungsstrategien nahe, mit denen beschrieben werden kann, wie unter gegebenen institutionellen Rahmenbedin- gungen und in einem bestimmten historischen Kontext eine Berufsgruppe mit den komplexen Anforderungen umgeht und welche typischen Handlungsmuster sie zur Bewältigung der beruf- lichen Situation ausgebildet hat. Auf demWege zu einer aufgabenspezifischen reflexiven Theorie der Professionalität (Dewe /Otto 2010) scheint es sinn­ voll zu sein, auf Differenz gegenüber den klassi- schen Professionen zu setzen und das Besondere des modernen professionellen Handlungsmodus in sozialen Dienstleistungsberufen zu rekonstruie- ren. Eine derartige reflexionsbezogene Perspektive lenkt das theoretische Interesse auf folgende drei As- pekte: auf den Aspekt der Handlungslogik professionali- 1. sierter sozialer Berufspraxis, auf den Aspekt des Wissens und Könnens der Ak- 2. teure in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, auf den Aspekt der Bedeutung von Reflexivität für 3. die Bewältigung professioneller Aufgaben. Damit tritt die Frage nach der „Professionalität“ in den Vordergrund. Zunächst muss festgestellt werden, dass sich über „Professionalität“ als einem eigenständigen Thema wissenschaftlicher Analyse erst in jüngster Zeit differenziert forschen und disputieren lässt (Combe /Helsper 2002; Köngeter 2009). Dabei weist dieser Disput interessanterweise eher Kon- notationen auf zu Konzepten der analytischen Handlungstheorie (z. B. Neuweg 2000), der Wis- sensforschung (vgl. Dewe 2007), der Debatte um Kompetenz sowie ihrem Komplementärbegriff, der Performanz (vgl. Knoblauch 2010) als Beziehun- gen zur hergebrachten berufsoziologischen Debatte und den struktur-funktionalistisch dominierten Professionstheorien der 1960er bis 1980er Jahre. Zur Differenzierung der Diskussion Nach der Verabschiedung von Theoriekonzepten, die sich auf die sog. „old established professions“ als möglichem Maßstab für die Professionsent- wicklung der Sozialen Arbeit bezogen, haben sich Diskurse ausdifferenziert, die weitgehend un- abhängig voneinander geführt werden. Ein Ergebnis der mittlerweile eigenständigen For- schung zur Professionalität im Handeln von Sozial- arbeitern besteht darin, genauer zu unterscheiden zwischen einer Konzentration des wissenschaftli- chen Interesses: auf den Nucleus von 1. Profession als spezifische „Form“ (Kurtz 2005) gesellschaftlichen bzw. sozia- len Handelns, die ein definiertes Funktionssystem betreut, d.h. die gesellschaftliche Makroebene bzw. das Gesellschaftssystem betreffend, auf den Fokus der 2. Professionalisierung als individu- ellen und gesellschaftlichen Aushandlungs- und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art115, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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