Handbuch 5. Auflage

1246 Dewe · H.-U. Otto  Durchsetzungsprozess und die damit verbundenen Marktschließungsstrategien (Schütze 1992), der somit den Verlauf der biographischen Etablierung von Professionalisierungsvorgängen betrifft (Pfa- denhauer 2005) und auf die besonderen, in der Regel habitualisierten 3. Befähigungen und das „spezifische Vermögen“ beruflich handelnder „Wissensarbeiter“ im Um- gang mit Menschen, also auf die Professionalität von Sozialarbeitern im Sinne eines szenisch-situa- tiven Handelns unter bisweilen paradoxen Hand- lungsanforderungen (Dewe /Wagner 2006; Nittel 2001) – in Relation zu Status, Prestige, Beschäfti- gungskonstitution und Form des „institutionali- sierten Arbeitskraftmusters.“ (Stock 2005, 127) Auch außerhalb der Sozialen Arbeit hat die all- gemeine soziologische Professionstheorie einen thematischen Wandel vollzogen: Nicht nur in der von Ulrich Oevermann reformulierten „Theorie professionalisierten Handelns“ (1996), sondern auch in der für die deutsche Diskussion nach wie vor Orientierung gebenden angelsächsischen Pro- fessionstheorie sind in den letzten Jahren nach der Verabschiedung attributionstheorethischer bzw. indikatorischer Konzepte (Dewe et. al. 1986) mit- tels Fragen nach dem professionellen Wissen („the knowlegde base question“: Elzinga 1990), nach den Folgen des Umstandes, dass professionalisiertes Handeln stets unter hochgradigen „Ungewissheits- bedingungen“ (Abbott 1988) erbracht wird, sowie mit Fragen nach der spezifischen „Logik“ des Han- delns (Freidson 2001) neue Forschungsschwer- punkte etabliert worden. „Professional competen- cies“ spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. In Folge dieser analytischen Ausdifferenzierung der Professionalisierungsdiskussion gewann der Begriff der Professionalität seine eigene Qualität. Neben Problemen die spezifische Struktur professioneller Praxis und die Könnerschaft „von Berufs wegen“ (Fischer 1925) im Spannungsfeld von deklarativem und prozeduralem Wissen betreffend, genießt die Frage nach der Bedeutung von Reflexivität für die Bewältigung professioneller Aufgaben unter den Bedingungen von gesteigertem Begründungszwang und situativ hohem Handlungsdruck besondere Aufmerksamkeit. Kurzum: Reflexivität im Kontext professionellen Handelns ist zu einem bedeutenden Schlüsselwort geworden. Von dieser Position aus öffnet sich der Blick für das, was immer schon die berufliche Handlungs- situation ausmacht, wenn diese Dynamik auch durch Rituale und Routinen (Bommes et al. 1996) bisweilen unter Kontrolle zu halten versucht wird: die Tatsache nämlich, dass die Aushandlung von Lebenspraktischen, stets auch politischen „Bedeu- tungen“ der Kern professioneller Interaktion ist (Mezirow 1997). Dieser Prozess ist nicht nur auf der unmittelbaren Interaktionsebene, sondern auch auf der Organisationsebene (Peter 2010), ins- besondere durch administrative, planende, dis- ponierende Tätigkeiten, durch Themenselektion, Exklusion / Inklusion – um nur einiges zu nen- nen – gekennzeichnet. Professionalität materialisiert sich gewissermaßen in einer spezifischen Qualität sozialpädagogischer Handlungspraxis, die eine Erhöhung von Hand- lungsoptionen, Chancenvervielfältigung und die Steigerung von Partizipations- und Zugangsmög- lichkeiten aufseiten der Klienten zur Folge hat. Re- flexive, wissenschaftsbasierte Professionalität findet ihren Ausdruck sowohl in analytischen als auch in prozesssteuernden Kapazitäten des Handelnden, dessen Autonomie stets situativ in der Bearbeitung des „Falles“ konstituiert bzw. realisiert wird. Im aktuellen Diskurs wird Professionalität als aus- gezeichneter Strukturort der Relationierung von Theorie und Praxis bzw. differenter Urteilsformen betrachtet (Dewe /Otto 2010). Die Professionali- sierungsdiskussion dringt in den Mikrobereich so- zialpädagogischen Handelns vor, in dem es darum geht, die Wissensbasis einer spezifisch pädagogi- schen Kompetenz zu ermitteln. Ihr eröffnet sich damit die Möglichkeit, jenseits von Sozialtech- nologie und Aufklärungspathos die faktischen Strukturprobleme sozialpädagogischen Handelns zu thematisieren. Der Fallbegriff in der professionellen Sozialen Arbeit Rückblickend betrachtet lassen sich im Professiona- lisierungsdiskurs seit den 1980er Jahren – bezogen auf die Rekonstruktion der professionellen Hand- lungslogik – zwei konkurrierende Kriterien für Pro- fessionalität ausmachen. Das eine ist der bereits er- wähnte Status eines wissenschaftlichen Experten, das zweite ist die auf konkrete Fälle bezogene

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