Handbuch 5. Auflage

1265 Psychoanalytische Pädagogik Von Margret Dörr Die Psychoanalytische Pädagogik nimmt die Be- dingungen und Strukturen pädagogischer Bezie- hungen in einer besonderen Weise in den Blick. Sie richtet ihr Augenmerk sowohl auf die Einflüsse der Person des / der Erziehers / Erzieherin im unmittel- baren Erziehungsgeschehen, wie auch auf die Be- deutung gesellschaftlicher und institutioneller Rahmungen für Erziehungs- und Bildungspro- zesse. Dabei betrachtet sie Bildung nicht als iden- tisch mit der Aneignung von Wissen und dem Er- werb von Lernkompetenz, sondern umfassender als eine aktive Auseinandersetzung des (werdenden) Subjekts mit der Welt, dem Selbst und den Mit- menschen im Kontext gesellschaftlicher Wider- sprüche. Ausgehend von der Psychoanalyse steht auch in ihrer Theorie die Annahme eines „ubiquitären dy- namischen Unbewussten“ im Zentrum. Diese be- sagt, dass sich Menschen beständig mit Erlebnis- inhalten konfrontiert sehen, die sie unbewusst als sehr bedrohlich erleben und die sie deshalb aktiv, mit Hilfe verschiedener Formen von unbewussten Abwehr- und Sicherungsaktivitäten, vom Bereich des bewusst Wahrnehmbaren fernzuhalten ver- suchen (Datler 2003). Mit dieser Prämisse erwei- tert die Psychoanalytische Pädagogik das pädago- gisch bedeutsame Wahrnehmungsfeld über den Bereich rational kontrollierten oder begründbaren Denkens und Handelns hinaus auf den Bereich der emotionalen Wahrnehmungen in der Pädagogik. In enger Anlehnung an die Psychoanalyse hält die Psychoanalytische Pädagogik Emotionen für ko- gnitiv, also für erkenntnisgewinnend und nicht nur für Epiphänomene menschlichen Denkens und Handelns, die ignoriert werden könnten (Schäfer 2003, 83 ff.). Diese Perspektive verlangt eine differenzierte Aus- einandersetzung mit jenen Dimensionen von in- nerpsychischen Prozessen, Beziehungen, Entwick- lungen und Institutionalisierungen, die der bewussten Reflexion und Kontrolle nicht oder nur schwer zugänglich sind. Zugleich verweisen die ge- nannten Dimensionen darauf, dass die Annahme eines „ubiquitären dynamischen Unbewussten“ keineswegs nur auf der Ebene unmittelbarer päd- agogischer Interaktionen zur Geltung kommt, son- dern auch auf der Ebene der Herstellung von struk- turierenden Bedingungen für solche Interaktionen (Dörr /Müller 2006). Die Wirkung des Unbewuss- ten betrifft nämlich auch den Handlungsrahmen, die organisationspädagogische Seite: Jede organi- sierte Erziehung erfährt ihre Grenze durch das Spannungsfeld zwischen der Struktur und Dyna- mik von pädagogischen Institutionen, Gruppen und den Intentionen der Pädagogik. Die Psycho- analyse beschäftigt sich folglich nicht nur mit psy- chopathologischen Phänomenen, ihren Bedeutun- gen und der klinischen Behandlung jener Menschen die daran leiden. „Der Gebrauch der Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer Anwen- dungen; vielleicht wird die Zukunft zeigen, dass sie nicht die wichtigste ist“ (Freud 1926, 339). Freud und die Pädagogik Auch wenn für Freud die Psychoanalyse und die Pädagogik getrennte Wissenschaftsbereiche dar- stellen, so waren die beiden Disziplinen bei ihm doch von Anfang an eng aufeinander bezogen. Ob- gleich er sich nie als Pädagoge verstanden hat, war er davon überzeugt, dass die psychoanalytischen Erkenntnisse von außerordentlicher Relevanz für die Erziehungswissenschaft seien. So äußert er sich kritisch zu der (gewollt-blinden) Unwissenheit der PädagogInnen bezüglich der infantilen Sexualität und der Umgestaltungen in der Pubertät und führt die Unfähigkeit der ErzieherInnen, sich in das Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art117, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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